Deutsche Sporthilfe

Für Linda Stahl wiegt der Speer erstmals schwerer als das Skalpell


„Ich möchte mal sehen, wie gut man werden kann, wenn man nur Sportlerin ist und sich fürs Training richtig Zeit lassen kann." / Olympia-Medaille als Masterplan

Von Andreas Müller

Linda Stahl Konzentration - Einzelsicht

Leverkusen - Speerwerferin Linda Stahl empfindet neuerdings wie eine Alpinistin, die ihre schwere Bergausrüstung abgelegt hat oder wie jemand, der vorübergehend aus dem stressigen Arbeitsleben scheidet und dem fortan der Tag zur freien Verfügung steht. Erstmals in ihrer leistungssportlichen Karriere will und darf sich die Medizinstudentin von Bayer Leverkusen komplett auf den Leistungssport konzentrieren und hat dafür ihr Praktisches Jahr im Krankenhaus auf die Zeit nach Olympia 2012 in London verschoben.

„In den vergangenen fünf Jahren habe ich mich wie eine angehende Ärztin gefühlt, die nebenbei ein bisschen mit dem Speer wirft“, gesteht die 26-Jährige, die soeben ihr zehntes Semester im strapaziösen Fach beendete. Für die ersten beiden Jahre bis zum Physikum an der Uni Münster war sie in die berühmte Fahrradstadt gezogen und nach den Vorlesungen abends zum Training nach Leverkusen gependelt.135 Kilometer hin und danach wieder 135 Kilometer zurück. Geschlafen habe sie in dieser Phase „im Schnitt nur vier Stunden“, gesteht die aus Blomberg im Lippe-Kreis stammende Athletin.

 

Mit der nächtlichen Ruhe wurde es etwas besser, als Linda Stahl, die 2010 in Barcelona sensationell EM-Gold gewann, zwei Jahre zuvor an die Uni Köln wechselte und nach Leverkusen zog. Doch wegen der knallharten Anforderungen zwischen Hörsaal, Skalpell und Klinik blieb das, was wie selbstverständlich zum leistungssportlichen Alltag gehören sollte, für die junge Frau eine Fata Morgana:

„Manchmal ging es aus der Gerichtsmedizin, wo wir gerade an ein paar Leichen herumschnibbelten, noch schnell zum Training. Die Einheiten ordentlich vor- und nachzubereiten, zu regenerieren, zwischendurch in Ruhe zu essen oder regelmäßig zur Physiotherapie zu gehen, für all das gab es einfach keine Zeit. Den größten Teil des Tages hat immer die Ausbildung verschluckt“, berichtet die grazil wirkende Athletin. Für Massagen ließ das tägliche Programm selbst dann keinen Raum, nachdem der Körper erstmals vor Olympia 2008 und dann mehrfach schmerzliche Signale vor allem an Rücken, Bandscheiben und Hüfte sandte: Bitte die Doppelbelastung nicht länger übertreiben!

Linda Stahl Portrait - Einzelsicht

 

Nun endlich hat die Sportlerin aus der Gruppe von Trainer Helge Zöllkau so viele Freiräume, wies es für Weltklasseleistungen normalerweise braucht. Bis zu den Olympischen Sommerspielen vom 27. Juli bis 12. August 2012 ist dank des neuen, von der Stiftung Deutsche Sporthilfe entwickelten Modells „Elite Plus“ das Intermezzo mit ausschließlicher Fokussierung auf das Sportliche geplant. Vorbei nun die Zeiten, da Linda Stahl im Trainingslager gar nicht anders konnte, als nach den Einheiten nur zu essen und auszuruhen und dem Körper zurückzugeben, was sie ihm vorher im stressigen Studienalltag genommen hatte.

„Ich möchte mal sehen, wie gut man werden kann, wenn man nur Sportlerin ist und sich fürs Training richtig Zeit lassen kann. Das ist für mich die spannendste Frage“, sagt die U23-Europameisterin von 2007. Schon die ersten Tage ihres neuen Lebens mit einem Lehrgang in Kienbaum im Dezember, einem Skitraining im Erzgebirge im Januar und dem großen Trainingslager in Portugal im Februar scheinen ihr viel Schwung verliehen zu haben. So viel, dass die sonst eher zurückhaltende Wurfspezialistin optimistisch-forsche Töne anschlägt. „Unter diesen Bedingungen ist es für mich keine Frage, dass ich die Olympia-Qualifikation schaffe. Ich möchte in London Bestleistung werfen und die 66,81 Meter vom EM-Sieg übertreffen. Der Masterplan ist, eine Medaille zu gewinnen.“ (zum Interview)

Mit Platz acht bei den Weltmeisterschaften 2007 im japanischen Osaka und Platz sechs bei der Heim-WM 2009 in Berlin hatte Linda Stahl angedeutet, wozu sie im „Nebenberuf“ fähig ist. Die Norm für die Sommerspiele in Peking hatte sie infolge von Bandscheibenbeschwerden um zwei Zentimeter verfehlt. Den Vorzug erhielt ihre Trainingskollegin Katharina Molitor, während Linda Stahl die geforderte Weite drei Tage nach dem Ende der Nominierung locker um mehr als vier Meter übertraf. „Da wusste ich: Trotz aller Widrigkeiten, dem Stress an der Uni und den vielen Verletzungen, habe ich’s drauf“, erklärt Linda Stahl, warum sie seinerzeit den Speer nicht einfach hinschmiss.

Linda Stahl Daegu 2011 - Einzelsicht

Zwei Jahre später wurde sie für ihre Zähigkeit mit EM-Gold belohnt. Doch mit jeder neuen Saison drohten neue Belastungen für den Körper und weitere Anfälligkeiten für Verletzungen. Für den Sommer 2011 stehen nur vier Wettkampfergebnisse zu Buche. Bei den Weltmeisterschaften in Daegu/Südkorea konnte sie zum Finale nicht antreten, weil beim Aufwärmen der Rücken ein schmerzliches Zeichen setzte. Statt der Eigentherapie soll nun Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt helfen. „Dort möchte ich mich gerne mal durchchecken lassen. Dafür würde ich einen Teil des Geldes verwenden, das ich von der Sporthilfe bekomme.“

Aus dem Programm „Elite Plus“ fließen ihr zur optimalen Olympia-Vorbereitung dank der Kooperation von Sporthilfe und dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) bis zu den Spielen monatlich 1.500 Euro zu. „Ohne diese Förderung wäre ich jetzt vielleicht im Praktischen Jahr im Krankenhaus wie meine Kommilitonen. Das hieße täglich neun Stunden Dienst und dann noch eine oder zwei Stunden Nachbereitung“, so Linda Stahl. „Da hätte ich mir eine erfolgreiche Teilnahme an den Spielen in London höchst wahrscheinlich abschminken können.“

 

 

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Interview mit Linda Stahl: "Der Masterplan ist, eine Medaille zu gewinnen."

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