Deutsche Sporthilfe

Der Chef


Eigentlich sollte Johannes Lochner inzwischen sein Studium abgeschlossen und die Elektrofirma seines Vaters übernommen haben. Wäre da nicht großer sportlicher Erfolg „dazwischen gekommen“. Für die Bob-Weltmeisterschaften vom 13. bis 26. Februar am Königssee ist der 26-Jährige einer der Top-Favoriten.

 

Hat diese Saison oft Grund zum Jubeln: Johannes Lochner (Foto: picture alliance)

Frankfurt am Main, 10. Februar 2017 - „Schon als ich das erste Mal in einem Bob saß, wusste ich: Ich will Pilot werden.“ Es gab nur ein Problem: „Damals hatte ich keine Zeit, ich hab halt studiert.“ Deshalb sah der Karrierebeginn des heutigen Weltklasse-Athleten im Jahr 2011 eher wie ein Hobby aus: montags bis mittwochs Uni, donnerstags bis sonntags Bobfahren „bei Landesverbands-Lehrgängen für Anfänger“. Im Sommer lag der Fokus auf Athletiktraining, ansonsten ging das Studium normal weiter. Eine Saison half Johannes Lochner als Anschieber aus, schnupperte dadurch erstmals internationale Wettkampfluft. Aber der 1,90 Meter große und 95 Kilogramm schwere Modellathlet wollte nur eins: selber an den Lenkseilen sitzen. „Vier Jahre lang bin ich nur am Wochenende Bob gefahren, bis ich dann 2015 gesagt habe: Jetzt probieren wir das Ganze mal leistungsmäßig.“

 So etwas hat es noch nie gegeben

Das ist gerade mal zwei Jahre her. Was folgte, war ein fast schon märchenhafter Aufstieg: Weltcup-Debüt im Januar 2015 und nur wenige Wochen später: WM-Zweiter im Zweierbob. „Normal fährt man erst mal zwei bis drei Jahre Europa- und dann erst Weltcup. Was ich da gemacht habe, hat es so noch nie gegeben.“ In der Saison 2015/2016 folgte sowohl im Zweier als auch im Vierer der Gewinn des Europa-Gesamtweltcups, Gold bei der Junioren-WM und bei den Weltmeisterschaften wiederholte er seine Leistung vom Vorjahr, gewann auch 2016 die Silbermedaille im Zweier und wurde zudem Team-Weltmeister. Von der Deutschen Sporthilfe wurde er daraufhin im Oktober 2016 gemeinsam mit seinem Anschieber Joshua Bluhm zur „Juniorsportler-Mannschaft des Jahres“ gewählt. In der aktuellen Saison ist der Schönauer vom Königssee auch im Weltcup voll angekommen: Fünf Siege, darunter auch erstmals im Vierer, stehen bereits zu Buche, sowie der Titel des Europameisters im Vierer. Dazu kommt der erste Doppeltriumph seiner Karriere: Sieg im Zweier und Vierer im Januar auf seiner Heimbahn am Königssee. Damit avancierte der 26-Jährige zum WM-Favoriten.

 

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Mit viel Gefühl

In zwei Jahren vom Debütant zum WM-Favoriten – die Trainer sprechen bei Lochner von einem Naturtalent. Er selbst erklärt es in seiner sympathischen Art und Weise auch damit, dass er von klein auf Sport gemacht und nahezu jede Wintersportart ausprobiert hat, von Ski alpin über Nordische Kombination und Biathlon bis hin zu Eishockey. „So richtig blöd habe ich mich nirgends angestellt. Ich tue mich leicht, neue Sachen zu lernen. Vor allem dann, wenn es mit Gefühl zu tun hat.“ Was macht einen guten Bobfahrer aus? „Natürlich muss ich athletisch top sein und die gleichen Leistungen bringen wie meine Anschieber.“ Dazu kommt fahrerisches Feingefühl, „das kann man sich mehr oder weniger antrainieren“. Und dann müsse man versuchen, mit dem fahrerischen Können den Bob auf die jeweilige Bahn so anzupassen, dass man tatsächlich schnell ist. „Das ist die große Kunst: Mit den wenigen Trainingsfahrten, die man auf den jeweiligen Bahnen vor den Rennen hat, das richtige Setup zu finden.“ Dafür geht er jede Bahn vor dem Training ab, schaut sich das Eis an, wie es profiliert ist, prägt sich die Ein- und Ausfahrten genau ein. „Ich habe die Bahnen zu 100 Prozent im Kopf“, denn nur dann kann man schnell fahren. „Fährt man die Kurve nur um Zentimeter zu früh oder zu spät an, kostet das gleich Hundertstel.“ Zeitabstände, die in der „Formel 1 des Wintersports“ den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.

Eine kleine Firma

Schnelligkeit, Fahrgefühl, Materialarbeit und mentale Stärke – das sind längst nicht alle Eigenschaften, die ein Weltklasse-Bobpilot mitbringen muss. „Im Grunde bin ich wie der Chef einer kleinen Firma. Das beginnt damit, dass ich mein Team organisieren muss.“ Lochner hat sieben Anschieber, die mehr oder weniger quer über Deutschland verteilt sind. Für sie organisiert er gemeinsame Trainingslager, erstellt Einsatzpläne, bestimmt, wer wann welche Rennen fährt, je nach Leistungsstand. „Wichtig ist, alle immer bei Laune zu halten, sie gerecht einzusetzen.“ Da ist er auch als Psychologe gefragt. Gleichzeitig muss er die Finanzen im Blick behalten. Die Anschieber werden bezahlt, für Trainingslager fallen Reise-, Essens- und Übernachtungskosten an. Dazu kommen Materialkosten für Schlitten und Kufen. „Die kompletten Finanzen laufen über mich, alles was raus geht, aber auch, was an Geld reinkommt.“ Fast überflüssig zu erwähnen, dass er auch mit Sponsoren die Verhandlungen führt.

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Sport, Studium und Beruf

Die Zeit, dass Lochner seinen Sport mehr oder weniger nur am Wochenende ausübte, ist längst vorbei. Das Studium läuft zwar weiterhin parallel – nach abgeschlossenem Bachelorstudium hat er 2016 ein Masterstudium der Elektro- und Informationstechnik in München aufgenommen –, jedoch vorwiegend im Sommer. Dann folgt das Athletik- und Anschubtraining mit rund acht Einheiten pro Woche nachmittags im Anschluss an die Seminare und Vorlesungen. Jeweils im August startet die Saisonvorbereitung: „Meist stehe ich um 7 Uhr morgens auf, arbeite eine Stunde im Büro, bevor dann von 9 bis 12 Uhr die erste Athletikeinheit ansteht, nachmittags eine zweite. Mittags oder abends kommt dann meist noch eine Physio-Behandlung dazu.“ Unmittelbar vor der Wettkampfsaison und den nationalen Ausscheidungen stehen bis zu 40 Fahrten in der Woche an, vier vormittags und vier nachmittags. „Die ersten Wochen auf der Bahn sind eigentlich begleitet von Dauermuskelkater, von Glieder- und Rückenschmerzen. Es ist nicht das Schlaueste, was man für den Körper machen kann“, erzählt Lochner mit einem Augenzwinkern. „Da sind sechs Trainingsfahrten innerhalb der Wettkampfwochen fast schon entspannend.“

 Nach der Saison wechselt der Fokus wieder auf das Studium, „dann bin ich richtig froh, dass ich erst mal wieder was für den Kopf machen kann. Ich brauche diesen Ausgleich zwischen Sport und Uni.“ Außerdem hatte Lochner 2011, als er mit dem Bobfahren begann, noch einen ganz anderen Plan: „Für mich war der Bobsport damals reines Hobby.“ Deshalb stand für seinen Vater und ihn auch fest, nach fünf Jahren Studium die Elektrofirma zu übernehmen und in der dritten Generation weiter zu führen. „Durch meinen sportlichen Erfolg in den letzten Jahren verschiebt sich jetzt das Rentendasein meines Dads noch um einige Jahre.“ Sein inzwischen 65-jähriger Vater bringt volles Verständnis für ihn auf und hat vergangenes Jahr sogar einen zusätzlichen Elektromeister eingestellt, damit der Sohn im Winter weiter Bobfahren kann. „Um ihm zu danken kämpfe ich Tag für Tag, um ihm eine Medaille von den Olympischen Spielen 2018 aus Pyeongchang mitzubringen.“ Am liebsten natürlich eine Goldene: „Da mein Onkel Rudi 1992 in Albertville Zweiter wurde, muss ich natürlich Gold gewinnen, sonst muss ich mir das ein Leben lang anhören.“ Im Hause Lochner geht man locker miteinander um. Aber dann wird Johannes ernster: „Wenn ich zu Olympia fahre, will ich auch gewinnen.“

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Sporthilfe-Förderung wie ein Sechser im Lotto

Zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Pyeongchang hat ihn die Deutsche Sporthilfe in die höchste Förderstufe ElitePlus aufgenommen. 18 Monate lang erhält Lochner vor den Olympischen Spielen monatlich 1500 Euro Sporthilfe-Förderung, die diese über ihren Partner PricewaterhouseCoopers (PwC) olympischen Medaillenkandidaten zur Verfügung stellt, die nicht über eine staatliche Sportförderstelle abgesichert sind. Zudem erhält er als Student 400 Euro über das Deutsche Bank Sport-Stipendium. „Die Sporthilfe-Förderung ist für mich existentiell wichtig.“ Während Sponsorengelder 1:1 in Trainingslager fließen oder für Material wie beispielsweise bessere Kufen ausgegeben werden, „finanziere ich von der Sporthilfe-Förderung mein Leben. Davon zahle ich die Uni, meine Ernährung, meine Wohnung in München, mein Auto.“ Seinen Vater will er damit nicht auch noch belasten. „Ich bin jetzt 26. Mich selber finanzieren zu können, ist vom Kopf her für mich sehr befreiend. Die Sporthilfe-Förderung ist für mich wie ein Sechser im Lotto.“

 WM-Favorit auf der Heimbahn

Vor den Olympischen Spielen wartet in dieser Saison als „Zwischenetappe“ die Weltmeisterschaft vom 13. bis 26. Februar (Männer Zweierbob ab 18. Februar) auf der Heimbahn am Königsee. Dass er nach den bisherigen Saisonleistungen als einer, wenn nicht sogar als DER WM-Favorit gilt, empfindet er nicht als Druck. Er spüre zwar gestiegene Erwartungen von Trainern, Team oder auch von der Familie, aber Lochner sieht das eher als eine zusätzliche Herausforderung. „Gerade auf der Heimbahn ist das für mich Motivation pur. Wenn ich weiß, an der Bahn stehen Freunde und Fans, die mich anfeuern, dann kann ich nochmal das ein oder andere Prozent mehr an Leistung aus meinem Körper herausholen.“ Johannes Lochner, ein Wettkampftyp.

Johannes Lochner

Geboren: 15. Oktober 1990 in Berchtesgaden

Sportart: Bobfahren

Disziplin: Zweier und Vierer

Größte Erfolge: Team-Weltmeister 2016, WM-Silber im Zweier 2015 und 2016, Europameister 2017 im Vierer, Zweifacher Junioren-Weltmeister 2016

Verein: Bob-Club Stuttgart Solitude

Sporthilfe-gefördert seit 2014: zunächst als C-Kader-Athlet inklusive Deutsche Bank Sport-Stipendium, seit April 2015 in der Mercedes-Benz Elite-Förderung, seit September 2016 zusätzlich im höchsten Förderprogramm ElitePlus