Deutsche Sporthilfe

"Ich fühle mich als Medaillengewinner"


Doping-Nachtests haben Jürgen Spieß in der Ergebnisliste der Olympischen Spiele 2008 von Rang neun auf sechs hochrücken lassen. Dafür bekam der Gewichtheber nun nachträglich die ihm zustehende Olympia-Prämie der Deutschen Sporthilfe. Kann er sich über die neue Platzierung und die Belohnung dafür freuen?

Jürgen Spieß motiviert sich mit starken Leistungen immer wieder selbst. (Foto: picture alliance)

Frankfurt am Main, 04. April 2017 - „Eine Genugtuung ist es für mich schon. Traurig ist nur, dass es so lange gedauert hat. Hätte man die Kameraden damals schon erwischt, wäre es fünf Wochen später rausgekommen. Jetzt sind mehr als acht Jahre vergangen. Und ich bin mir ziemlich sicher: Nicht nur diese drei vor mir Liegenden waren nicht sauber.

Beispielsweise ist der augenblickliche Goldmedaillengewinner aus Polen als 18-Jähriger schon positiv getestet worden. Und, leider muss ich sagen, habe auch ich in Peking eine Dopingprobe abgeben müssen – und somit einer weniger der vor mir Platzierten. [Anm. d. Red.: Nicht jeder Teilnehmer muss eine Dopingprobe abgeben, sondern nur eine bestimmte Anzahl Athleten. Durch die Dopingprobe von Jürgen Spieß wurde also von einem Kontrahenten weniger eine Probe genommen.] Natürlich könnte ich auch sagen: Ich habe es schwarz auf weiß, dass ich sauber bin. Doch das wusste ich ja vorher. Irgendwie fühle ich mich so schon als Medaillengewinner. Sicher, mit meinem Zweikampfresultat von 384 Kilo muss man nicht zwangsläufig eine Medaille gewinnen. Doch ich werde es eben nie herausfinden können.

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Ich werde oft gefragt, was mich als Gewichtheber in Deutschland motiviert. Da ist zum einen die Freude über die eigene Leistung. Und da sind dann schon auch die eigenen Erfolge. Etwa der Titel des Europameisters von 2009 mit sechs Kilo mehr als in Peking. Mit 390 Kilo ist man immer vorne dabei.

In Rio hat der Bronzemedaillengewinner 392 Kilo erreicht. Mit meinem Leistungsvermögen hätte ich in diesen Bereich vorstoßen können. Doch ohne Stoff ist es eben sehr schwer, sein Niveau über Jahre stabil zu halten. Ich bin beispielsweise Anfang 2010 wegen einer Knieverletzung operiert worden, und man braucht ewig, um wieder sauber auf das Niveau von einst zu kommen. Bei anderen geht das schneller.

Die Prämie der Deutschen Sporthilfe für Rang sechs hat mich sehr gefreut. Ich hatte damit überhaupt nicht gerechnet. Mensch, das ist mehr als acht Jahre her! Wir haben in unserer Sportart international mit so viel Mist zu kämpfen. Wir haben so viel schlechte Presse: 48 positive Fälle bei Nachtests von zwei Olympischen Spielen 2008 und 2012. Dass andere meine Leistung sehen und sie im Nachhinein honoriert wird, das ist schon klasse.“

Jürgen Spieß:

Geboren:
26. März 1984 in Heidelberg
Sportart: Gewichtheben
Gewichtsklasse: bis 105 kg
Größte Erfolge: zweifacher Europameister 2009 (im Zweikampf und im Stoßen) sowie EM-Zweiter (im Reißen) in der Klasse bis 94 Kilogramm, EM-Fünfter 2017 (Zweikampf), Olympia-Teilnehmer 2008 in Peking (Rang sechs), 2012 in London (Rang neun) und 2016 in Rio de Janeiro (Rang zehn)
Verein: AV 03 Speyer
Sporthilfe-gefördert seit 1999: anfangs in der D-/C-Kader-, später dann in der Nachwuchselite- bis hin zur Elite-Förderung