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Shorttrack-Star Anna Seidel im Porträt: Botschafterin auf dem Eis

Mit gerade einmal 15 Jahren nahm Shorttrackerin Anna Seidel 2014 in Sotschi zum ersten Mal an Olympischen Winterspielen teil und galt seither als das große Versprechen einer Sportart, die in Deutschland nur eine Nebenrolle spielt. Nächstes Jahr peilt sie in Peking ihre dritten und letzten Spiele an – und will dort eine Olympia-Medaille gewinnen.


In der Dresdner EnergieVerbund Arena, wo sonst bei Torerfolgen des örtlichen Eishockey-Zweitligisten das Nebelhorn bläst und junge Eiskunstläufer:innen zu Disney-­Balladen proben, läuft an diesem kalten Dezember-­Freitag Deutsch-Rap. Es ist die Playlist von Shorttrackerin Gina Jacobs, zu der die deutsche Nationalmannschaft ihre Trainingsrunden dreht, eine nach der anderen, auf der exakt 111,12 Meter langen ovalen Bahn. Meist vorweg läuft eine junge Frau, die nach eigener Aussage lieber „richtige Musik“ hört. Ihr Name: Anna Seidel.

Mit ihren gerade 22 Jahren könnte die gebürtige Dresdnerin noch ein One-­Hit-­Wonder sein, ist aber schon so etwas wie ein Evergreen im deutschen Shorttrack. Im Alter von 13 Jahren kam Anna Seidel in den C-­Kader und wird seitdem von der Deutschen Sporthilfe gefördert. Ein Jahr später gab sie ihre Premiere im Weltcup, mit 15 qualifizierte sie sich zum ersten Mal für die Olympischen Winterspiele und wurde dort, 2014 im russischen Sotschi, starke Sechste. Mit 17 gewann sie als EM-­Dritte ihre erste internationale Medaille, mit 19 fuhr sie bereits zum zweiten Mal zu Olympia. Zwischendurch kam sie von einer schweren Wirbelverletzung zurück und bestand 2018 ihr Abitur. Eine Karriere im Schnelldurchlauf.

Bald ein Jahrzehnt ist Anna Seidel damit bereits das Gesicht des deutschen Shorttracks – einer Sportart, die hierzulande im Schatten des großen, wenn auch inzwischen kaum noch mit Erfolgsmeldungen gesegneten Bruders Eisschnelllauf steht. Im Shorttrack geht es nicht um die Zeit, sondern darum, im direkten Duell als erstes ins Ziel zu laufen. Die Runden sind kürzer, die Intensitäten höher – stellenweise wird in den K.O.­-Phasen mit harten Bandagen um die Positionen gekämpft, häufige Führungswechsel inklusive. „Deswegen ist es viel spannender und macht mir auch viel mehr Spaß als Eisschnelllaufen“, sagt Anna Seidel, die einst wegen der höheren Geschwindigkeit von der Leichtathletik aufs Eis gewechselt ist. In die Eishalle gekommen war sie damals über ihren jüngeren Bruder, der Eishockey spielt.

Erzählt die Sächsin von ihrem Sport, klingt leicht ihre große Faszination durch. Umso mehr hadert sie mit dessen Stellenwert:

„Es stört mich, dass Shorttrack in Deutschland eine Randsportart ist. Es ist schade, dass wir nicht so richtig wahrgenommen werden.“

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Seidel reiste für Trainingsaufenthalte nach Südkorea, in die USA und in die Niederlande, allesamt Länder, in denen Shorttrack einen hohen Stellenwert genießt, teils sogar Nationalsport ist. „Nochmal bitterer“, findet sie diesen Vergleich. „Aber das wusste ich von Anfang an, es war noch nie anders und deswegen gilt es, das zu akzeptieren und irgendwie zu verbessern.“

Im Shorttrack heißt es oftmals „Frau gegen Frau“ – im Pulk taktisch klug zu laufen gehört zu Seidels Stärken (Foto: picture alliance)

Inzwischen hat sie ihre Rolle als deutsche „Botschafterin“ angenommen, intern wie nach außen. Im Nationalteam ist sie neben ihrer acht Jahre älteren Teamkollegin Bianca Walter derzeit die einzige Olympionikin, sie weiß um ihre Vorbildfunktion. Diese Rolle übernahm sie quasi nahtlos vom früheren Juniorenweltmeister Robert Seifert, der 2010 und 2011 mit der Staffel die ersten (und bislang einzigen) deutschen WM-Medaillen überhaupt gewann und 2012 als erster Deutscher bei einem Einzel-Weltcup siegte.

Seit Seiferts Karriereende 2014 fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf Anna Seidel, die sich auf ihren Social-Media-Kanälen, aber auch bei Fernsehauftritten und Sponsoren-Events stark in Szene zu setzen weiß. Umso schwerer fällt es zu glauben, dass sie selbst ihr mangelndes Selbstbewusstsein als größte sportliche Schwäche einschätzt. An der Startlinie neben Athletinnen zu stehen, von denen sie noch vor wenigen Jahren ehrfürchtig Autogramme gesammelt hat, hemmt sie bisweilen. Auch spürt die Sportsoldatin mittlerweile mehr Verantwortung und extra Druck bei Heim-Wettkämpfen:

„Da merke ich schon, dass oft nach mir gefragt wird und viel auf meinen Schultern lastet. Früher habe ich das nicht richtig realisiert. Da war es einfach nur schön, dass sich jemand für Shorttrack interessiert hat und ich für etwas Aufruhr sorgen konnte.“

Tatsächlich sind die Erwartungen merklich gestiegen. Genoss Seidel in Sotschi noch Welpenschutz, war die Kritik 2018 in Pyeongchang nach zwei Stürzen schnell da. Auch wenn sie die besten deutschen (Damen-)Ergebnisse in der Geschichte der Sportart fabriziert, bereits zweimal Silber und viermal Bronze bei Europameisterschaften gewann, scheint ihr zum ganz großen Durchbruch noch etwas zu fehlen. Edelmetall bei Olympia? „Das wird zwar nicht offen ausgesprochen“, sagt Seidel, „aber man merkt unterschwellig, dass in Deutschland die Medaille als einziges wirklich zählt – gerade für die Medien.“ Sie lässt sich von der Erwartungshaltung aber nicht beeinflussen.

„Ich weiß, dass ich die Medaillen, die von mir gefordert werden, auch von mir selbst erwarte.“

Das große Ziel heißt Peking 2022. Es wären ihre dritten Spiele. Die Drei ist Anna Seidels – geboren übrigens am 31.3. – Lieblingszahl und hat sich im Laufe der Jahre zu einem Tick entwickelt. Sie trinkt in Dreier-Schlucken, führt in der Wettkampfvorbereitung viele Dinge dreimal aus, sagt sich vor dem Rennen ihren Dreiklang „Ich schaffe das, ich packe das, das ist mein Ding“ auf. Schon die 15-jährige Anna wusste, dass sie dreimal zu Olympischen Spielen möchte. Die 22-Jährige rechnet heute vor: Die Quersumme von 2022 ist sechs, durch zwei geteilt – ergibt wieder drei.

In der Vorbereitung ist Seidel abergläubig und führt viele Kleinigkeiten dreimal aus (Foto: Red Bull Content Pool/ Richard Walch Photography)

Und nach Peking? Will sie die Leistungssportkarriere ausklingen lassen, vielleicht noch ein oder maximal zwei Jahre weitermachen. Shorttrack ist körperlich sehr intensiv – das musste Seidel jüngst wieder vor der Weltmeisterschaft erfahren, als sie sich im Training das Schien- und Wadenbein brach. Es braucht also wieder ein großes Comeback, und auch wenn sie das Dasein als Athletin weiterhin tagtäglich antreibt, „gibt es noch viele andere Dinge außerhalb des Leistungssports, die mich interessieren und die ich noch machen will“. Studieren zum Beispiel, raus aus Dresden. Auch wenn es sich anders anfühlt: Nach Peking 2022 wird die „ewige Anna“ erst kurz vor ihrem 24. Geburtstag stehen.

Anna Seidel - Shorttrack

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Anna Seidel: Botschafterin auf dem Eis

(Veröffentlicht am 19.03.2021)

Erschienen im Sporthilfe-Magazin go!d - Zur kompletten Ausgabe (1/2021)



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