(Foto: Max Hannes Beutler)

Bob-Pilotin Lisa Buckwitz: Von der Olympiasiegerin zur Fahranfängerin

Als Anschieberin wurde Lisa Buckwitz 2018 sensationell Olympiasiegerin im Zweier-Bob, anschließend aber fiel sie in ein mentales Loch. Mit neuer Motivation wagt sie den Neuanfang und schult zur Bob-Pilotin um. Ihr Ziel: In neuer Rolle erneut bei Olympia auf dem Treppchen stehen.


Im Bobsport, das bringt die steile Eisrinne mit sich, geht es vor allem in eine Richtung: Bergab, und das ziemlich rasant. Wem das regelmäßig am schnellsten gelingt, für den geht es in ähnlicher Geschwindigkeit karrieretechnisch steil bergauf. Manchmal aber verkehrt sich diese scheinbar unbestechliche Logik ins Gegenteil – und niemand kann davon besser berichten als Lisa Buckwitz, 2018 als Anschieberin von Mariama Jamanka Olympiasiegerin. Auf der Bahn im Olympic Sliding Centre von Pyeongchang geht es nach der Zieldurchfahrt noch einmal kurz bergauf, um die Geschwindigkeit der Bobs zu drosseln. Für die Athlet:innen bedeutet das, dass sie erst etwas verzögert auf die Anzeigetafel schauen können. „Mariama ist wieder super gefahren. Auf der Tafel stand zunächst aber nur irgendeine Zeit. Als die Anzeige dann auf Platz 1 umsprang, dachte ich mir nur: Nein, das kann nicht sein!“, erinnert sich Buckwitz an einen „unbeschreiblichen Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde“.

Neue Rolle: Lisa Buckwitz als Pilotin, hier mit Anschieberin Tamara Seer (Foto: Max Pietza)

Fünf Jahre nach ihrem Wechsel von der Leichtathletik zum Bobsport war sie mit damals 23 Jahren auf dem Gipfel angekommen, als Krönung eines steilen Aufstiegs: Weltcup-Siegerin, zweimal Junioren-Weltmeisterin und nun sensationell Olympiasiegerin. Der vierte und letzte Lauf in Südkorea markierte aber auch den Beginn einer schweren Leidenszeit. Nach dem Gold-Triumph fiel Buckwitz in ein mentales und körperliches Loch. Drei Monate lang trainierte sie überhaupt nicht, saß lust- und antriebslos zuhause in Potsdam und versuchte zu ergründen, was mit ihr los ist – vergebens. Am fehlenden Ziel konnte es nicht liegen: Schon frühzeitig hatte die Sportsoldatin beschlossen, nach den Olympischen Spielen 2018 zur Pilotin umzuschulen. Ein Schritt, der im Bobsport weit mehr bedeutet, als im Schlitten einfach nur einen Platz nach vorne zu rutschen. Von der Olympiasiegerin zur Fahranfängerin, ein krasser Paradigmenwechsel.

„Ich musste alles noch einmal neu lernen, es war ein kompletter Neuanfang“,

sagt die heute 26-Jährige. Anstatt WM und Weltcup winkten ihr nun zunächst wieder Einsätze bei den Juniorinnen und im Europacup.

Zwischendurch gab es durchaus Trainingstage, an denen sie sich gefragt habe: „Hey, warum mache ich das eigentlich, ich bin jetzt Olympiasiegerin“, erzählt Buckwitz und blickt dabei ziemlich ernst.

„Den Spaß, die Leidenschaft beim Training, all das, was mich als Mensch und als Athletin auszeichnet, die Kriegerin in mir auszupacken, das musste ich erst einmal wiederfinden.“

Ein wichtiger Faktor sei es gewesen, ihren Gold-Coup, den Olympiasieg von Pyeongchang zu begreifen. „Das war ganz schwierig, dafür habe ich ein Jahr gebraucht. Ich hatte ja nicht geplant, Olympiasiegerin zu werden, es gehörte viel Glück und Fleiß dazu.“ Inzwischen hat sich Buckwitz – mit Unterstützung ihrer Familie, ihres Trainers und einer Psychologin – aus dem mentalen Loch befreit und sieht sich auch athletisch wieder auf dem Niveau von vor Olympia 2018. Neben dem sportlichen Umschwung ist sie auch als Mensch gereift, erwachsener, selbstbewusster und selbstständiger geworden. „Ich habe in den letzten zweieinhalb Jahren viel dazugelernt“, sagt die Brandenburgerin, die im Herbst ein Sportmanagement-Studium begonnen hat. Sie verfolgt den Anspruch, künftig eine sehr gute, athletische Anschieberin zu sein, „aber auch eine sehr gute Fahrerin“. Hinzu kommt, dass sie als Pilotin mehr Verantwortung trägt – für ihre Anschieberin, aber auch als Team-Managerin.

Anschubtraining in Potsdam – die Tartanbahn kennt Buckwitz noch aus ihrer Zeit als Leichtathletin (Foto: Deutsche Sporthilfe)
Sehnsuchtsort Olympia: 2018 waren Lisa Buckwitz und Mariama Jamanka die schnellsten im Eiskanal (Foto: picture alliance)

Für Buckwitz war es bereits die zweite Neuorientierung ihrer Leistungssportkarriere. Wie die meisten Bobsportler:innen war auch sie zunächst Leichtathletin, wurde mit 14 Jahren Mehrkampf-Zweite bei der Deutschen Meisterschaft. Eine Armverletzung bremste die Karriere aber aus, weite Würfe mit Speer und Hammer waren von da an passé. Ihre damalige Trainerin schlug ihr den Bob als Alternative vor und vermittelte ihr ein Probetraining. In Altenberg, auf einer der schwierigsten Bahnen der Welt, absolvierte sie 2013 ihre erste Fahrt und war sofort von der Faszination gefangen. Kein Wunder: Buckwitz bezeichnet sich selbst als Adrenalinjunkie, zu ihren Hobbies zählt sie Bungeejumping, Fallschirmspringen und schnelle Autos. Sie sagt:

„Pilotin wollte ich werden, weil der Nervenkitzel dort noch einmal deutlich krasser ist. Als Anschieberin sieht man während der Fahrt ja nichts, als Pilotin muss man reagieren. Das ist eine neue Herausforderung, der ich mich stellen möchte.“

Für diesen Prozess, die Umschulung, veranschlagen Trainer:innen und Expert:innen in der Regel zwei bis vier Jahre. Herausfordernd, aber nicht unmöglich, dass zeigt etwa der Lebenslauf von Anja Schneiderheinze. Die inzwischen zurückgetretene Athletin gewann als Anschieberin von Sandra Kiriasis 2006 Olympia-Gold in Turin und schulte 2007 ebenfalls zur Pilotin um. Über den Europacup arbeitete sie sich in die Weltspitze und kam nach vier Jahren im Weltcup an. 2014 nahm sie als Pilotin an den Olympischen Spielen teil und belegte dort Rang zehn; mit Anschieberin Annika Drazek wurde sie 2016 Weltmeisterin im Zweierbob. Buckwitz steht mit ihrer Pilot:innenausbildung zurzeit bei etwas mehr als 50 Prozent. „Am Fahren muss ich noch arbeiten, aber es geht gut voran. Ich habe dafür ja immer nur ein halbes Jahr Zeit, wenn die Bahnen geöffnet sind.“ Als Ziel hat sie sich die Rückkehr zu den Olympischen Spielen gesetzt. Wenn nicht schon 2022 in Peking, dann spätestens 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo, bis dahin will sie ihre Karriere auf jeden Fall fortsetzen. Was ihr in die Karten spielt: Künftig ist bei den Damen der Monobob olympisch, gesucht werden also Pilotinnen, die auch athletisch zur Weltspitze gehören. Der Traum der „Kriegerin“ Buckwitz ist klar:

„Olympiasiegerin als Anschieberin bin ich schon, das gleiche Ziel habe ich als Pilotin auch. Ich möchte gerne bei Olympia auf dem Treppchen stehen.“

(Veröffentlicht am 20.01.2021)

Erschienen im Sporthilfe-Magazin go!d - Zur kompletten Ausgabe (4/2020)



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