"Irgendwann habe ich gemerkt: Ich schaffe das nicht allein"

Mit der Kanuslalom-WM in Oklahoma City steht für Kanuslalom-Olympiasiegerin Ricarda Funk eines der sportlichen Highlights des Jahres bevor. Gemeinsam mit Fußball-Weltmeisterin Annike Krahn spricht sie über Leistungsdruck, mentale Gesundheit und die Bedeutung professioneller Unterstützung im Spitzensport. Den kompletten Wortwechsel im E‑Paper lesen.

Ricarda, die Olympia-Qualifikation 2016 – ein Erlebnis, bei dem du gemerkt hast, dass der Druck zu groß geworden ist und du deine Leistung nicht mehr abrufen konntest. War das deine erste bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema mentale Belastung?
 

Ricarda Funk: Tatsächlich war das 2016 während der Olympia-Qualifikation so. Ich war körperlich fit, aber ich konnte es im entscheidenden Moment einfach nicht zeigen. Natürlich fragt man sich dann: Woran lag es am Ende? Für mich war damals klar, dass Sportpsychologie ein Werkzeug sein könnte, mit dem ich mich intensiver beschäftigen sollte. In diesem Zusammenhang habe ich die Zusammenarbeit mit meinem Sportpsychologen deutlich intensiviert. Rückblickend bin ich überzeugt, dass das ein entscheidender Wendepunkt war – der mich letztlich auch zur Olympiasiegerin gemacht hat.

Das Angebot gab es also schon vorher über den Olympiastützpunkt?

Ricarda: Der Olympiastützpunkt München bietet das an und wir konnten es jederzeit nutzen. Trotzdem gibt es eine gewisse Hemmschwelle, weil man oft denkt, das sei ein Zeichen von Schwäche. Man muss selbst aktiv werden und überhaupt erst verstehen, dass dort etwas passiert, das einem helfen kann. Das Mentale ist unsichtbar. Man kann es nicht greifen. Und genau das macht es so schwer – auch für Außenstehende. Man sieht oft gar nicht, was in einem Menschen vorgeht oder was er eigentlich gerade braucht.

Musstest du oft verbergen, dass es dir eigentlich nicht gut geht?

Ricarda: Im letzten Jahr [nach den Olympischen Spielen in Paris; Anmerkung der Redaktion] ging es mir tatsächlich nicht gut, und ich habe versucht, das zu verstecken, weil ich diese Schwäche nicht zeigen wollte. Aber genau das kostet unglaublich viel Energie. Irgendwann muss das, was man fühlt, raus. Man muss darüber sprechen. Und allein in dem Moment fühlt es sich oft schon ein kleines bisschen besser an.

An wen konntest du dich in solchen Phasen wenden?

Ricarda: Natürlich an Freunde und Familie – die waren immer für mich da. Aber eben auch an meinen Sportpsychologen, mit dem ich schon viele Jahre zusammenarbeite. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Ich schaffe das gerade nicht allein. Also habe ich ihn angerufen und teilweise wöchentlich mit ihm gesprochen.

Das heißt, da ist über Jahre ein großes Vertrauensverhältnis entstanden. Und genau das kann wahrscheinlich nur wachsen, wenn man solche Angebote früh wahrnimmt und überhaupt lernt, dass sie sinnvoll sein können.

Ricarda: Absolut. Vertrauen ist ein ganz, ganz wichtiges Stichwort. Man muss das Gefühl haben, sich öffnen zu dürfen – ohne bewertet zu werden. Das wächst über Jahre. Am Anfang geht es eher um sportliche Themen: Wie gehe ich mit Druck um? Wie stehe ich am Start?

Aber je länger die Karriere dauert und je älter man wird, desto mehr kommen andere Themen dazu. Wenn man jahrelang ständig an die Grenze geht – oder sogar darüber hinaus –, merkt man oft gar nicht mehr, was das mit einem macht. Man steckt alles in den Sport und vernachlässigt andere Dinge, die für uns als Menschen genauso wichtig sind. Wir haben nicht nur körperliche Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen, sondern auch psychologische Grundbedürfnisse. Und die geraten manchmal in Vergessenheit.

Annike, du bist heute verantwortlich für den Frauenund Mädchenfußball beim VfL Bochum. Ist es sinnvoll, Athletinnen nicht nur nach körperlichen, sondern auch nach mentalen Fähigkeiten zu bewerten? Annike, du bist heute verantwortlich für den Frauen und Mädchenfußball beim VfL Bochum. Ist es sinnvoll, Athletinnen nicht nur nach körperlichen, sondern auch nach mentalen Fähigkeiten zu bewerten?

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