Körbe und Köpfchen

Im Rollstuhlbasketball sammelt Annabel Breuer seit Jahren internationale Medaillen, parallel dazu studiert sie im Master Psychologie. Für ihre Spitzenleistungen in Sport und Studium ist die 27-Jährige nun von Deutscher Bank und Deutscher Sporthilfe als erste paralympische Athletin mit der Auszeichnung „Sport-Stipendiat des Jahres“ geehrt worden.


Den 26. August 2020 hatte sich Annabel Breuer rot im Kalender angestrichen. Dann wäre die Rollstuhlbasketballspielerin mit der deutschen Nationalmannschaft bei den Paralympics in Tokio in die Mission Edelmetall gestartet, doch Corona machte eine Verlegung der Spiele unabdingbar. An das Datum wird sich die 27-jährige Psychologie-Studentin trotzdem lange zurückerinnern – in Frankfurt am Main wurde sie von Deutscher Bank und Deutscher Sporthilfe just an diesem Tag als „Sport-Stipendiat des Jahres“ 2020 ausgezeichnet.

Bücher und Studium statt Bälle und Sporthalle – das scheint dieses Jahr ohnehin das Motto von Annabel Breuer und vielen weiteren studierenden Spitzenathleten zu sein. Spätestens, als Ende März die Olympischen Spiele und die Paralympics auf 2021 verschoben wurden, wurde die Lebens- und Karriereplanung vieler Athleten auf den Kopf gestellt.

„Glück im Unglück war, dass die Paralympics gerade noch rechtzeitig vor Semesterstart verschoben wurden und ich mich für ein paar Kurse mehr anmelden konnte“,

berichtet Breuer, die an der Justus-Liebig-Universität in Gießen den Masterstudiengang Psychologie studiert. Den Platz dort sicherte sie sich mit einem sehr guten Bachelor-Abschluss – elementar, um neben dem Sport bei ihrem Bundesligaverein RSV Lahn-Dill in Wetzlar auch universitär eine Perspektive in der Region zu haben. „Das war enorm wichtig für mich, da habe ich mir auch sehr viel Druck gemacht. Anders hätte ich nicht gewusst, wie es für mich weitergegangen wäre“, so Breuer.

Mit 16 Jahren gewann Breuer bereits mehrere Medaillen bei der EM, damals noch als Rollstuhlfechterin. Von der Sporthilfe wurde sie dafür als "Juniorsportlerin des Jahres" ausgezeichnet. (Foto: Ulrich-Ferdinand Beyle/ Deutsche Bank)
Nicht nur spitze im Sport: Auch ihr Bachelorstudium beendete sie mit sehr guten Noten. Ihren Master in Psychologie absolviert die Studentin zurzeit an der Justus-Liebig-Universität Gießen. (Foto: Ulrich-Ferdinand Beyle/ Deutsche Bank)

Es ging weiter, auch während der Corona-Zeit. Studieren aus dem Homeoffice, das funktioniert bei den meisten Studierenden und Lehrenden inzwischen gut. Als Leistungssportlerin zuhause zu sein hingegen ist, zumal mit Handicap, eine ganz andere Herausforderung. Während andere Athleten ihr Heil im Waldlauf oder auf dem Rad suchten, hatte Annabel Breuer schon deutlich mehr zu kämpfen. Wochenlang hielt die Frau mit dem feinen Wurf keinen Basketball in den Händen, auch sportartspezifisches Training von daheim aus ist für Rollstuhlbasketballer nur schwer möglich. „Das war schon hart“, sagt Breuer, „ich habe mir Sorgen um meine Fitness gemacht.“ Aber die Athletin merkte auch, welche Stellung der Sport sonst in ihrem Leben einnimmt:

„Tatsächlich habe ich festgestellt, dass Basketball und Sport allgemein für mich wichtige Komponenten sind, wenn es mal an der Uni oder sonst wo nicht so gut läuft. Dieser Ausgleich ist natürlich nun weggefallen.“

Der Leistungssport als Stresslöser begleitet Breuer, die seit einem Verkehrsunfall im Kleinkindalter querschnittsgelähmt ist, bereits seit einiger Zeit. Ihre Karriere begann sie als Rollstuhlfechterin, sammelte dort 2009 als 16-Jährige schon Gold, Silber und Bronze bei der Europameisterschaft und wurde dafür von der Sporthilfe als Juniorsportlerin des Jahres ausgezeichnet.

Wenig später erfolgte der Wechsel zum actionreichen Rollstuhlbasketball, wo sie nun als einzige Frau im Bundesligateam des RSV Lahn-Dill spielt und national wie international Medaillen um Medaillen sammelt. Darunter Paralympics-Gold 2012 und -Silber 2016, außerdem zweimal WM-Silber und zuletzt vergangenes Jahr EM-Bronze.

Dieses Resultat qualifizierte sie – zusammen mit ihren herausragenden studentischen Leistungen – für die Top 5 bei der Wahl zum „Sport-Stipendiat des Jahres“. Im Online-Voting setzte sich Breuer gegen Leonie Beck (Schwimmen/ Medienkommunikation), Cécile Pieper (Hockey/Psychologie), Jonathan Rommelmann (Rudern/Humanmedizin) und Julius Thole (Beachvolleyball/Rechtswissenschaften) durch. An der Wahl beteiligten sich insgesamt über 46.000 Sportfans, so viele wie noch nie in der achtjährigen Geschichte der Wahl von Deutscher Bank und Deutscher Sporthilfe. Und noch eine Premiere: Breuer ist die erste paralympische Athletin, die sich über die Auszeichnung freuen darf.

„Das ist natürlich eine umso größere Ehre. Ich glaube auch, dass es wichtig ist für die paralympische Bewegung generell und für meinen Sport, den Rollstuhlbasketball, im Speziellen“,

so die Siegerin.

Der Basketballplatz ist Breuers Zweites Zuhause - und Ausgleich zum Uni-Alltag. (Foto: Ulrich-Ferdinand Beyle/ Deutsche Bank)

Nun steht sie also erneut ein Jahr vor ihren dritten Paralympics, das Studium wird in der unmittelbaren Vorbereitung wieder etwas zurücktreten müssen, nähert sich aber langsam dem Ende. Wie es danach weitergehen soll, weiß Annabel Breuer heute noch nicht – den Sport neben einer Vollzeitstelle auszuüben, das wäre noch einmal eine andere Herausforderung. Was sie aber schon kennt, ist das neue Datum für den Start in Tokio. Vorausgesetzt, die Paralympics können 2021 stattfinden, wird es der 25. August 2021 sein.

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(Veröffentlicht am 09.12.2020)

Erschienen im Sporthilfe-Magazin go!d - Zur kompletten Ausgabe (3/2020)



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