
Schon auf dem Weg zum Stadion fällt eine Gruppe besonders auf. Im Shuttle sitzen Fans mit Deutschlandfahnen und Leibchen, in roter Druckschrift ist ein Name zu lesen: Sebastian Marburger. Sie sind für ihn angereist – laut, gut gelaunt, voller Vorfreude. Im „Tesero Cross-Country Skiing Stadium“ angekommen sind die Tribünen voll, die Stimmung ist gut. Fahnen wehen, Stimmen hallen über das Wettkampfgelände und zahlreiche italienische Schulklassen haben sich unter die Besucherinnen und Besucher gemischt. Acht Grad zeigt das Thermometer, doch in der Sonne fühlt sich der Tag deutlich milder an. Auch von Schnee ist hier im 1.000 Meter hoch gelegenen Tesero keine Spur, die Berge ringsherum sind nur bedeckt von braun-grünen Wäldern. Ausgerechnet hier, in einer Region, die sonst für ihre Wintersportbedingungen bekannt ist, zeigt sich der Winter in diesem Jahr zurückhaltend. Die Strecke hält dennoch: zehn Kilometer, aufgeteilt auf vier Runden, die den Athletinnen und Athleten alles abverlangen.

Für das deutsche Team beginnt der Tag mit schlechten Nachrichten. Johanna Recktenwald und Merle Menje können krankheitsbedingt nicht antreten. Sebastian Marburger hingegen will es versuchen, geht aber mit geringeren Erwartungen ins Rennen. Damit ist die Mannschaft dezimiert, noch bevor der Startschuss fällt. Theo Bold wird nicht mit seinem Bruder Jakob an den Start gehen, sondern mit Adrian Schuler, der zwar schon als Guide aktiv war, mit Theo aber noch nie an den Start ging. Der erste Startschuss fällt, Anja Wicker wird auf die Runde geschickt. Nacheinander starten die sitzenden Frauen, kraftvoll arbeiten sie mit ihren Armen aus dem ganzen Oberkörper und rammen die Stöcke in den Schnee. Mit aller Kraft kämpft sich Wicker an der tobenden Tribüne vorbei ins Ziel – am Ende fehlen 1,5 Sekunden auf Bronze.
Sebastian Marburgers Fanclub sorgt für Stimmung, singt und wippt im Takt seiner Gesänge. Jedes Mal, wenn der Athlet vorbeifährt, wird es laut. Fahnen werden geschwenkt, Namen gerufen. Ein Pärchen geht am Zieleinlauf vorbei, sie tragen im Partnerlook besondere Leibchen: ein aufgedrucktes Foto von Linn Kazmaier und ihrem Guide Florian Baumann, darunter in roter Schrift „Familie und Freunde von Linn und Florian“. Die Frau hat sich die Deutschlandfahne auf ihre Wange gemalt. Linn Kazmaier wird Fünfte. „Es war brutal hart. Eine der extremsten Bedingungen, die ich je erlebt habe. Gerade die Anstiege waren unglaublich tief und weich“, sagt die junge Athletin, die bereits eine Medaille in Mailand Cortina gewonnen hat und 2022 zur Sporthilfe-Juniorsportlerin in der Kategorie Para-Sport gewählt wurde.
Im gleichen Rennen erkämpfen sich Leonie Maria Walter und ihr Guide Christian Krasman die einzige Medaille für das deutsche Team am heutigen Tag, Bronze! Ein versöhnliches Ende für die beiden, denen nachträglich aufgrund eines technischen Fehlers am Tag zuvor die Silbermedaille aberkannt worden war.
Kathrin Marchand bewegt sich Richtung Startbereich. Sie ist eine Ausnahme-Athletin – eine, die nicht nur bei den Olympischen Sommerspielen, sondern nach ihrem Schlaganfall nun bereits bei Paralympischen Sommer- und Winterspielen angetreten ist – die erste Frau jemals. Sie ist Zweite nach 1,2 Kilometern, Dritte nach der ersten Runde. Bei der Hälfte hat sie bereits 23,3 Sekunden Abstand auf ihre nächste Verfolgerin. Nun müsste sie bald wieder kraftvoll an der Tribüne vorbei rauschen. Doch sie lässt auf sich warten. Es entsteht Unruhe im deutschen Fanblock. Fragende Blicke werden ausgetauscht.
In der Ferne sieht man den deutschen Team-Arzt den Berg hochlaufen, dahin wo keine Zuschauerinnen und Zuschauer das Rennen zu sehen bekommen. Kurz darauf die Meldung: „Schwächeanfall Kathrin Marchand“, doch Entwarnung: „Nichts Ernstes“. Sie muss ihr Rennen beenden. „Es war eigentlich keine Entscheidung, die ich getroffen habe, sondern es ging halt einfach nicht mehr. Ich hatte ziemlich zu kämpfen mit den Bedingungen. Am Ende hatte ich richtig Schwindel im Rennen. Ich habe fast nichts mehr gesehen und meine linke Seite auch nicht mehr richtig gemerkt“, erklärt Kathrin Marchand niedergeschlagen nach ihrem Rennen. Der Körper setzt Grenzen. Auch für Sebastian Marburger ist es nicht der richtige Tag. Früh muss er das Rennen abbrechen, auch ihn zwingt ein Schwächeanfall zum Aufgeben.

Im Zielbereich zeigt sich ohnehin, wie hart dieses Rennen ist. Viele Athletinnen und Athleten sacken nach der Ziellinie zu Boden, versuchen wieder zu Atem zu kommen, einer wird beim Rausgehen von seinem Trainer gestützt. Und während einige noch erschöpft im Ziel liegen, wartet für andere schon der nächste Termin: Dopingkontrolle. Linn Kazmaier wird beim Herausgehen aus der Mixed Zone abgefangen. Ab diesem Moment wird sie für den Rest des Tages auf Schritt und Tritt begleitet, bis sie ihre Urinprobe unter Aufsicht abgeben kann.
Tesero zeigt heute, wie widersprüchlich dieser Sport manchmal sein kann: Sonne auf den Tribünen, Jubel der Fans – und ein Rennen, das viele bis an ihre Grenzen bringt - und darüber hinaus.