Kira Walkenhorst: "Ganz die Finger vom Ball lassen kann ich noch nicht"

Beachvolleyball-Olympiasiegerin Kira Walkenhorst gab aufgrund einer langen Verletzungsserie Anfang des Jahres ihr Karriereende bekannt. In der Folge sprach die 28-Jährige, die im Oktober gemeinsam mit ihrer Frau Maria Mutter von Drillingen geworden war, jedoch eher von einer Pause. Zuletzt stellte sie sogar ein mögliches Comeback in Aussicht.


Kira, wie geht es Dir aktuell?

Müde [lacht]. Nein im Ernst, abgesehen vom Schlafmangel aufgrund der Drillinge eigentlich ganz gut. Gesundheitlich bin ich deutlich fitter als noch vor ein paar Monaten. Ich habe im Frühjahr eine neue Therapie bei einem Heilpraktiker begonnen, die großartig angeschlagen hat. Ich bin noch nicht wieder komplett schmerzfrei, aber es geht mir viel besser als die letzten Jahre. Ich habe auch wieder angefangen, Sport zu machen.

War es somit verfrüht, im Januar Dein Karriereende zu verkünden?

K.W.: Im letzten Jahr hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass es nochmal funktionieren kann. Ich war wirklich durch. Täglich zu Ärzten zu rennen, aber immer wieder zu hören, es sei alles gut, wir finden nichts, aber im Training springt nach zehn Minuten die Rippe wieder raus, die Schulter tut weh, alle Gelenke tun weh – das wollte ich nicht mehr, das kann ich nicht mehr. Ich habe mich von Laura [Ludwig; d. Red.] getrennt, damit sie ihre Ziele mit Tokio 2020 und der WM dieses Jahr mit einer gesunden Partnerin angehen kann. Selbst wenn ich nächstes Jahr wieder einsteigen könnte, gäbe es keine Chance mehr, mich für Tokio zu qualifizieren. Von daher ist es quasi erst einmal mein Karriereende gewesen. Dass ich mich jetzt bereits wieder so gut fühle, ist überraschend. Beachvolleyball war und ist mein Leben und ich würde natürlich wieder gerne anfangen zu spielen. Ob nur national oder aber auf der internationalen Tour oder ob ich sogar nochmal vier Jahre weitermache bis Paris 2024, das wird sich zeigen. Ganz die Finger vom Ball lassen kann ich jedenfalls noch nicht.

Foto: Mirja Geh

Diskus-Olympiasieger Christoph Harting hat letztens in einem Interview Kindern vom Leistungssport abgeraten, er selbst habe zuletzt mit 14 Jahren Spaß daran gehabt.

Das ist eine krasse Aussage. Natürlich ist Leistungssport nicht immer der pure Sonnenschein, es ist harte Arbeit, sehr viel Verzicht, man muss raus aus der Komfortzone und da rein, wo es weh tut und anstrengend wird. Wenn man dann noch den Spaß am Sport verliert, dann kann ich seine Aussage verstehen. Mir hat es – trotz aller Verletzungen – immer Spaß gemacht. Außerdem habe ich super viel aus dem Sport mitgenommen.

Ich würde den Leistungssport auf jeden Fall immer wieder wählen.

Mit dem WM-Titel 2017 hattest Du nach dem Olympiasieg 2016 und den EM-Titeln 2015 und 2016 alles gewonnen, was man im Beachvolleyball erreichen kann. Was hat Dich danach noch weiter motiviert

Das war nach 2017 ziemlich schnell klar: Die Heim-WM. Sie war der nächste große Traum, den wir hatten. Wir haben schon einige Turniere in Hamburg gespielt, die immer Gänsehaut pur waren. Dort sind so viele begeisterte Zuschauer und Fans, dass die Atmosphäre einfach gigantisch ist. Dort wollten wir dieses Jahr unser bestes Beachvolleyball spielen. Und anschließend hätte der Fokus auf der Olympia-Quali für Tokio gelegen mit dem Ziel, nochmal eine Medaille zu holen.

Wie weh tut es, bei der Heim-WM nicht dabei zu sein?

Bisher ging es noch, ich bin zuhause mit den Drillingen sehr gut abgelenkt. Auch wenn ich mir TV-Übertragungen anschaue, geht es eigentlich noch. Ich weiß aber, dass es bei der WM, wenn ich dann vor Ort bin, schmerzen wird, weil es einfach ein geiles Turnier ist. Und da will man auf dem Feld stehen und zeigen, was man kann. Also wird es definitiv weh tun.

Was erwartest Du von den deutschen Teams?

Da bin ich wahnsinnig gespannt. Bei den Männern können Julius Thole und Clemens Wickler oben mitmischen, wenn sie es hinkriegen, sich nicht selbst zu sehr unter Druck zu setzen und ein gutes Ergebnis erzwingen wollen. Eine Medaille wäre ein riesen Erfolg, die ich ihnen sehr gönnen würde. Ich hoffe auch, dass die Frauen sich gut präsentieren. Victoria Bieneck und Isabel Schneider haben als gestandenes Team zuletzt noch nicht so richtig ihren Rhythmus gefunden, aber ich hoffe, dass da der Knoten noch platzt, und dann werden sie auch wirklich gut mitspielen können. Für die, die sich seit Jahresbeginn neu gefunden haben, ist dagegen bis hierher wenig Zeit gewesen. Karla Borger und Julia Sude haben aber auf den letzten Turnieren schon gezeigt, dass sie gute einstellige Platzierungen machen können. Ich setze aber auch noch auf Laura Ludwig/Margareta Kozuch, weil ich weiß, wie sie arbeiten und dass sie den Schwerpunkt auf die WM setzen. Sie haben zuletzt viel über die anderen Turniere hinwegtrainiert, um Erfahrung zu sammeln, haben nochmal Techniken umgestellt. Sechs Monate, die sie zusammen hatten, sind eine knackige Zeit, um sich zusammen zu finden, aber ein Heimpublikum kann auch ordentlich pushen. Von daher ist für alle Teams vielleicht noch einmal ein Schritt mehr drin.

"Golden Girlz": Nach dem Olympiasieg 2016 gewann das Duo Walkenhorst/Ludwig 2017 auch WM-Gold. Deutschlands Sportjournalisten wählten sie 2016 und 2017 zur "Mannschaft des Jahres". (Foto: picture alliance)

Du hast die Rotation angesprochen, die Deine Trennung von Laura nach sich zog. Hat Dich das beschäftigt, dass Du dafür der Auslöser warst?

Dass Chantal [Labourer; Anm. d. Red.] anfangs ohne Partnerin dastand, tat mir total leid für sie. Ich habe mir aber keine Vorwürfe gemacht, weil es von mir keine Null-Bock-Entscheidung gewesen war. Ich war sehr überrascht von den Teamkonstellationen, die jetzt neu entstanden sind – ich weiß nicht, ob ich das unbedingt so gemacht hätte an deren Stelle -, aber es gehört im Leistungssport dazu, wenn Laura als Olympiasiegerin eine neue Partnerin sucht, dass dann andere Teams auseinandergerissen werden. Ich bin froh, dass Chantal noch eine gute Partnerin [Sandra Ittlinger; Anm. d. Red.] gefunden hat, mit der sie den Weg gehen kann.

Ausnahme-Blockerin Walkenhorst hatte in ihrer erfolgreichen Karriere immer wieder mit Verletzungen wie Kreuzbandriss, Pfeiffersches Drüsenfieber, Meniskusschaden, Schulterund Hüftblessuren zu kämpfen (Foto: picture alliance)

Fühltest Du Dich gut auf das Leben nach der Karriere vorbereitet?

Langweilig wird mir definitiv zuhause mit den Drillingen nicht. [lacht] Aber was heißt vorbereitet? Letztendlich kam der Cut ja dann doch auch für mich überraschend. Direkt am Anfang habe ich viele Gespräche geführt, habe im Beachvolleyball noch zwei tolle Werbepartner, mit denen ich zusammenarbeite. Zusätzlich bin ich dabei, mir ein Standbein als Trainer für Jedermann-Camps aufzubauen, bin ab August zusammen mit wirklichen Weltstars Teil einer weltweiten Kosmetik-Werbekampagne und arbeite aktuell mit meinem Management an hochinteressanten TV-Projekten. Und ich habe das Angebot der Sporthilfe zum Key-Note-Speaker-Training angenommen, das ist eine super Sache. Ich hatte schon im Vorfeld überlegt, ob ich zukünftig in Vorträgen meine Erfahrungen aus dem Leistungssport weitergeben kann, hatte nur absolut keine Ahnung, wie ich dieses Thema angehe. Von daher freue ich mich sehr, dass ich jetzt mit Hilfe dieses Coachings meine Idee umsetzen konnte. Ich habe also neue Projekte, auf die ich mich wahnsinnig freue, habe neue Herausforderungen, die auch nicht so viel Zeit einnehmen, so dass ich trotzdem zuhause 24/7 Mutti sein kann.

Du wurdest in letzter Zeit öfters in Talksendungen eingeladen, zu Markus Lanz oder „Tietjen und Bommes“, in denen Deine Lebenssituation mit Deiner Frau und den Drillingen Thema war. Findest Du es wichtig, dass sich Spitzensportler gesellschaftspolitisch äußern, ihre Popularität nutzen?

Ich habe lange überlegt, weil die Tatsache, dass Maria und ich verheiratet und wir Eltern geworden sind, für mich Normalität ist. Wenn ich mich aber dazu äußere und es ein Thema ist, dann bekommt es eine Sonderstellung. Das will ich nicht. Aber als wir Kinder bekommen haben, ist uns aufgefallen, dass wir in vielerlei Hinsicht noch nicht gleichgestellt sind im Vergleich zu Ehen von Mann und Frau. Man meint, weil Deutschland die Ehe für alle erlaubt hat, wäre alles gut. Nein, das ist es noch lange nicht. Es sind viele Sachen, mit denen wir uns auch heute noch rumärgern, zum Beispiel mit dem Adoptionsantrag. Es muss sich diesbezüglich noch einiges ändern, und deshalb nutze ich meine Stimme jetzt bewusst. Ich glaube aber, während der aktiven Zeit ist es für jeden Sportler schwierig, zusätzlich noch viel Engagement in politische Themen zu stecken. Für viele Menschen sind Spitzensportler sicherlich Vorbilder, aber während der aktiven Zeit hätte es ein paar Prozent von unserer Leistung gemindert. Von daher ist es aktuell für mich einfacher, Stellung zu beziehen.

(Veröffentlicht am 21.06.2019)



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