
Wo andere nach unten schauen, blicken sie nach vorne – und in die Luft. Für Freestylerinnen und Freestyler ist Schnee kein Untergrund, sondern ein Lebensgefühl. Sie sind auf der Suche nach der perfekten Mischung aus Mut, Technik und Style. Drei deutsche Athletinnen und Athleten wollen genau mit diesem Mix bei den Olympischen Winterspielen für Aufsehen sorgen – und zeigen dabei, warum Freestyle viel mehr ist als nur ein Wettkampf.
Landing Bag-Anlage gibt es in Deutschland
Sekunden sind Ski-Akrobatinnen in der Luft
Freestyle-Athletinnen und -Athleten sind Sporthilfe-gefördert
Euro kostet eine Aerials-Saison
Deutschlands beste Snowboard-Freestylerin lebt im Hier und Jetzt – auch wenn ihr Name anderes verspricht: Annika Morgan, Tochter eines US-Amerikaners und einer Deutschen, aufgewachsen in Garmisch-Partenkirchen, mit viel Englisch im Wortschatz. Bei Instagram spielt sie mit ihrem Nachnamen und nennt sich: Annika Overtomorrow.
Wortspiele liebt die 23-Jährige, die während der Olympischen Winterspiele Geburtstag feiern wird. Ihre Leidenschaft heißt Snowboard. Bis sie 13 war, galt ihr Fokus noch einer anderen Sportart: dem Eiskunstlaufen. Fünf Tage pro Woche trainierte sie für die perfekte Kür – bis der Spaß dabei verloren ging. Snowboarden, bis dahin ihr Wochenend-Hobby, wurde zur Sportart Nummer eins. Mit 16 gewann sie Silber bei der Junioren-WM. „Die Atmosphäre beim Eislaufen ist nicht die beste, alles ist sehr viel strenger als beim Snowboarden. Hier kann man einfach machen, was man möchte.“ Ihr Credo:
„Ich gehe nicht trainieren, ich gehe Snowboarden.“ Damit beschreibt Annika, was so ziemlich alle Freestylerinnen und Freestyler an ihrem Sport schätzen: die Kreativität. Den Vibe – und das Gefühl grenzenloser Freiheit.
Emma Weiß steht nicht auf einem Brett, sondern auf zwei. Sie macht Ski-Akrobatik, im internationalen Jargon „Aerials“. Und sie sagt über sich selbst: „Ich bin keine typische Freestylerin. Ich bin überhaupt nicht cool.“ Die 25-Jährige von der Schwäbischen Alb ist hierzulande eine Einzelkämpferin, hält ohne Unterstützung des Deutschen Ski-Verbands mit der Weltelite mit. In den vergangenen fünf Jahren schaffte sie regelmäßig Top-Ten-Platzierungen und landete 2020 als erste Deutsche seit über zwei Jahrzehnten auf einem Weltcup-Podium. Ein Kunststück, das ihr zum Auftakt ins Olympia-Jahr 2026 im kanadischen Lac-Beauport zum zweiten Mal in ihrer Karriere gelang. Dafür arbeitet sie hart – und investiert viel selbst: 50.000 bis 70.000 Euro kostet eine Saison. Unterstützung bekommt sie von ihren Sponsoren und schon seit 2017 von der Sporthilfe, unter anderem mit dem Deutsche Bank Sport-Stipendium.
Was schätzt die Management-Studentin an ihrer Sportart?

„Wir müssen auf den Punkt abliefern. Ich habe zwei Sekunden Zeit, um zu zeigen, wofür ich mein ganzes Leben gearbeitet habe.“
Nach vielen Übungsläufen geht es auf die echte Schanze, Emma beschleunigt auf 55 Stundenkilometer und katapultiert sich zwölf bis 15 Meter in die Höhe. In der kurzen Luftphase dreht sie zwei Saltos und drei Schrauben – und bereitet sich gleichzeitig auf eine saubere Landung vor. „Dabei wirken krasse Kräfte auf den Körper“, sagt sie. Verletzungsprävention gehört deshalb seit jeher fest zu ihrem Training.
Eine viel zitierte Redewendung im Wintersport lautet: Die Erfolge des Winters werden im Sommer gemacht. Bei Freestyle-Athletinnen und -Athleten trifft das besonders zu. Viele Tricks werden längst abseits des Schnees trainiert: etwa auf luftgefüllten Landing Bags, die weiche Landungen ermöglichen und das Verletzungsrisiko reduzieren. Und sie machen unabhängig von Schnee, der in Europa immer seltener und später fällt.
Viele deutsche Freestyle-Snowboarderinnen und -Snowboarder trainieren seit Jahren auf solchen Anlagen in Scharnitz in Österreich, seit 2024 verfügt auch der Bundesstützpunkt Berchtesgaden über eine vergleichbare Infrastruktur. Ein „Gamechanger“, wie Snowboard Germany betont – vor allem, weil das Skiinternat gleich nebenan liegt.

Aerials-Athletin Emma Weiß trainiert ähnlich wie Skispringerinnen und Skispringer im Sommer auf Mattenschanzen. Gelandet wird dabei in flachem Wasser – gelenkschonend und präzise analysierbar. „Essenziell“ nennt sie dieses Training: „Wir können dort genau den Bewegungsablauf üben.“
Wenn die Tricks im Sommer sitzen, folgt die Probe aufs Exempel im Schnee. Auch für Snowboarder Christoph Lechner, der – die Gesundheit vorausgesetzt – bei den Olympischen Winterspielen in der Halfpipe starten wird. „Im Sommer bleibt ein Restrisiko: Wird alles klappen?“, sagt der 25-Jährige. Die Nervosität steigt, wenn es im November in den ersten Schnee geht:
„Umso schöner ist es, wenn alte Tricks noch gehen und die neuen auch funktionieren. Das ist ein richtig geiles Gefühl.“
Seine Snowboard-Kollegin Annika Morgan ergänzt: „Man muss sich das auf Schnee erstmal trauen.“ Die ersten Tricks und Sprünge des Winters hätten für sie immer einen „riesigen Überraschungseffekt“. Annika geht bei den Olympischen Spielen gleich in zwei Disziplinen an den Start: Slopestyle und Big Air, der „Schanze“ der Freestyler. In beiden hat sie seit ihren olympischen Auftritten 2022 in Peking wertvolle Erfahrungen gesammelt. Ihre Priorität liegt aber auf Slopestyle: Die Piste als Spielplatz, mit Hindernissen, Rails und Rampen. „Nur einen Berg herunterzufahren und einen Trick zu machen – da fehlt mir ein bisschen Kreativität“, sagt sie über Big Air.
Die Freude auf Olympia ist groß – diesmal näher an der Heimat und ohne strenge Corona-Regeln wie in China. Viele Familienmitglieder haben sich angekündigt, sogar aus den USA. „Ein Morgan-Clan wird dort einfallen“, sagt die Athletin lachend. Wie lange sie noch olympische Ambitionen haben wird, lässt sie offen: „Im vergangenen Jahr war ich leicht ausgebrannt, wegen der vielen Reisen und der hohen Intensität, um in der Weltspitze mithalten zu können.“ Der Aufwand ist groß – auch finanziell. „Ich bin in der glücklichen Situation, durch Sponsorings Geld zu verdienen. Und ich bin mega happy über die Unterstützung der Sporthilfe, die mich schon unterstützt, seit ich bei den ersten Weltcups gestartet bin.“ Annika wird aktuell nicht nur im Top-Team der Sporthilfe, sondern als Medaillenkandidatin in Vorbereitung auf die Spiele auch zusätzlich in der von PwC Deutschlamd finanzierten ElitePlus-Förderung unterstützt.
Nach den Spielen soll bei ihr mehr Kreativität abseits des Wettkampfs im Vordergrund stehen: Filmen mit ihrem Bruder Ethan, gemeinsam reisen – eine Tradition in der Freestyle-Szene, die so sehr auf das Zusammenspiel aus Action und visueller Ästhetik setzt wie keine andere.
Für Christoph Lechner werden die Wettkämpfe in Livigno zur olympischen Premiere. Eine Handgelenksverletzung vor der Saison 2021/22 und der damit verbundene Druck verhinderten seine Qualifikation für Peking. Über die #comebackstronger-Förderung der Sporthilfe, von der er seit 2016 unterstützt wird, kämpfte er sich zurück in den Kader und fand wieder Anschluss an die Weltspitze. „Das ist schon sehr cool. Die Unterstützung hilft wirklich sehr“, sagt Christoph, der aktuell wie Annika die Top-Team-Förderung erhält.
Anfang 2025 wurde er sensationell Vierter bei der Weltmeisterschaft – und katapultierte sich damit in den Kreis der Top-Athleten. Ist sogar ein Olympia-Podium drin? „Ich fahre nicht nach Ergebnissen. Ich habe einen Run im Kopf, den will ich perfekt runterkriegen.“ Für ihn steht fest: „Bei der WM hat alles gepasst. Aber die anderen drei waren noch ein gutes Stück besser.“

Gut möglich, dass Lechner in Italien auch auf seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Florian trifft – er startet für Österreich, wohin die Familie schon vor vielen Jahren gezogen ist. Sportlich wie privat laufen beide Seite an Seite, gönnen sich jeden Run – und jeden gestandenen Trick.
Auch Emma Weiß hat ein Vorbild in der eigenen Familie: Ihr Vater trat bei den Olympischen Winterspielen 1992 in der damaligen Demonstrationssportart Ski-Ballett an, wurde sogar EM-Zweiter. Sobald Emma laufen konnte, stand sie auf Skiern. Vater Armin, Leiter einer Ballettschule, legte aber auch großen Wert auf turnerische Fähigkeiten. Als Einzelathletin ist sie oft auf sich gestellt, der Vater hilft gelegentlich im Training. In dieser Saison ist sie mit der tschechischen Nationalmannschaft unterwegs, zuvor mit der ukrainischen. Emma hofft auf mehr Aufmerksamkeit für ihre Sportart – und auf mehr Nachwuchs.
Freestyle-Wintersport – das ist Freiheit, Risiko, Ausdruck, Community. Annika Morgan, Emma Weiß und Christoph Lechner gehen sehr unterschiedliche Wege in ihren Disziplinen. Doch sie verbindet die Leidenschaft, Neues zu wagen und Grenzen zu verschieben. Wenn sie im Februar in Italien an den Start gehen, zählt nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem dieses Gefühl: den Berg hinunter und dem Himmel entgegen.
Big Air ist die Disziplin, in der Snowboarderinnen und Snowboarder über einen einzigen, gigantischen Kicker springen und hochkomplexe Tricks zeigen – von mehrfachen Drehungen (Spins) bis zu stylishen Grabs (Anfassen des Boards). Entscheidend sind Höhe, Schwierigkeit, Ausführung und eine saubere Landung. Olympisch ist Big Air seit 2018, als die Disziplin in Pyeongchang erstmals Teil des Programms wurde.


Slopestyle fordert Vielseitigkeit: Die Rider fahren einen Parcours mit Rails, Boxen und Kickern, wählen kreative Linien und kombinieren technische Rail-Tricks mit spektakulären Sprüngen. Bewertet werden Flow, Style und Trickschwierigkeit. Slopestyle wurde 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi erstmals ausgetragen.
In der Halfpipe nutzen Snowboarderinnen und Snowboarder die halbrunde, steile Röhre, um von einer Wand zur anderen zu fahren und dabei hohe Airs, Spins und Flips zu zeigen. Der ideale Run ist kraftvoll, sauber und steigert sich von Trick zu Trick. Die Halfpipe ist die älteste olympische Freestyle-Snowboard-Disziplin und seit 1998 in Nagano Teil der Winterspiele.


Aerials sind die akrobatischste Ski-Freestyle-Disziplin: Die Athletinnen und Athleten beschleunigen über einen steilen Anlauf, katapultieren sich über einen aus Schnee geformten Kicker in die Luft und zeigen komplexe Saltos und Schrauben. Jeder Sprung hat dabei einen festgelegten Schwierigkeitsgrad. Entscheidend sind Absprung, Körperkontrolle, saubere Haltung und punktgenaue Landung. Aerials gehören seit 1994 in Lillehammer zum olympischen Programm.
Erschienen im Sporthilfe Magazin
