Boxerin Apetz: „Corona hat meine Karriereplanung auf den Kopf gestellt“

Henry Maske, Mitglied der „Hall of Fame des deutschen Sports“, war 1988 Olympiasieger im Boxen, Neurowissenschafts-Doktorandin Nadine Apetz wollte 2020 in Tokio eine Medaille gewinnen. Im Doppelinterview sprechen die beiden Boxer über die Herausforderung, die die Olympia-Verschiebung mit sich bringt, und über ihre Rolle als Vorbilder.


Henry Maske: So, ganz kurz bevor wir loslegen: Ich bin klar der Älteste und außerdem sind wir hier unter Sportlern, und da ist man in der Regel per Du. Also, ich bin Henry. (lacht)

Nadine Apetz: Alles klar, danke! (lacht)

Sporthilfe: Dann verrate uns gleich mal Henry, wie Du mit der Coronakrise zurechtkommst?

Olympiatraum verschoben: Nadine Apetz hofft nun 2021 bei den Spielen antreten zu können (Foto: Deutsche Sporthilfe)

Maske: Ich nehme an, wesentlich besser als Nadine und viele andere Athleten – denn ich habe nicht die Olympischen Spiele als großes Ziel vor Augen. Aber selbstverständlich mache ich mir Gedanken, was wäre, wenn. Denn als Leistungssportler wurde auch ich ab und zu ausgebremst, etwa durch Verletzungen. Was aber jetzt passiert, ist speziell und noch nie dagewesen – es trifft im Grunde die ganze Welt und trotzdem geht jeder für sich je nach Möglichkeiten anders damit um. Das sind natürlich enorme Herausforderungen für Sportler.

Apetz: Im Prinzip mussten wir innerhalb von 24 Stunden von hundert auf null runterfahren. Wir befanden uns ja mitten im Qualifikationsprozess für die Olympischen Spiele, waren körperlich und mental auf dem Höhepunkt. Als das entscheidende Qualifikationsturnier in London abgebrochen wurde, sind wir direkt nach Hause gereist, wo bereits Social Distancing praktiziert wurde – also auch kein Training mehr. Das war schon sehr skurril. Aber es hilft ein bisschen, dass die Pause nicht selbstverschuldet ist, weil ich zum Beispiel eine Verletzung habe oder aus dem Turnier ausgeschieden bin. Es geht ja gerade wirklich allen gleich.

Sporthilfe: Bereitet Dir diese Situation auch mentale Probleme?

Apetz: Auf jeden Fall. Die Spiele 2021 sind ja längst nicht in trockenen Tüchern – sollten sie nicht nächsten Sommer stattfinden können, wird das IOC sie streichen. Natürlich macht man sich da Gedanken um die Lebensplanung.

Ich wollte das Boxen auf internationaler Ebene nach dem Sommer wahrscheinlich langsam ausklingen lassen, mich um meine Doktorarbeit kümmern und dann ins Berufsleben einsteigen.

Das wird natürlich jetzt alles umgekrempelt, die Reihenfolge ist eine ganz andere als geplant – auf einmal sitze ich wieder im Homeoffice und arbeite an der Promotion. in diese Situation musste ich mich erst einmal hineinfinden.

Sporthilfe: Henry, gibt es für Dich einen Vergleichswert aus Deiner aktiven Zeit?

Maske: Wenn man da überhaupt einen Vergleich ziehen kann, dann vielleicht den Boykott der DDR bei den Olympischen Spielen 1984. Das war ein Moment, in dem man einmal den Reset-Knopf drücken musste um alles zu verstehen und zu verarbeiten. Glücklicherweise war ich damals aber in einer ganz anderen Karrierephase als Nadine heute.

Ich war 20 und wusste, es gibt noch eine faire Chance für mich, an Olympischen Spielen teilzunehmen.

Als Sportler habe ich sehr viel erlebt, glücklicherweise 1988 dann auch die Olympischen Spiele, das war für mich das Größte und absolut unvergesslich. Aber nochmal: Das hat nichts mit der heutigen Situation zu tun.

Henry Maske erfüllte sich 1988 seinen Olympia-Traum (Foto: picture alliance)

Sporthilfe: Du hast Deine Karriere eigentlich 1996 beendet, bist 2007 nach elf Jahren Pause aber noch einmal für einen Kampf zurückgekommen. Wie lange braucht ein Athlet, um nach so einer Phase wieder auf absolutes Top-Niveau zu kommen?

Maske: Ich wusste das damals natürlich nicht, aber ich hatte mir ein Ziel gesetzt: Es muss ein Jahr aktive Arbeit sein. Am Ende waren es 54 Wochen und sechs Tage, ich weiß noch genau, wann ich begonnen habe und wann es endete. Natürlich habe ich während meiner Nicht-Karriere-Zeit zwischen 1996 und 2006 nicht aufgehört, Sport zu treiben, ich war ein fitter Freizeitsportler. Schon als Aktiver hatte ich immer Angst davor, eine Weile lang gar nichts zu machen – das habe ich nie zugelassen, weil meine Qualitäten auch nicht meines überragenden Talentes entsprangen, sondern das Resultat viel harter Arbeit waren. Um wieder zurückzukommen, muss man vor allem mental bereit sein für den Ring, auch für den Gegner. Mir ist das gelungen, ich wurde gewissermaßen mit dem Glück des Tüchtigen belohnt.

Vorbild im und neben dem Ring: Boxerin und Doktorandin Nadine Apetz (Foto: OSP NRW/Rheinland)

Sporthilfe: Nadine, noch ist nicht klar, ob die Olympischen Spiele 2021 stattfinden können. Wie sehr würde das den deutschen Boxsport schmerzen?

Apetz: Natürlich wäre es eine vertane Chance - um Vorbilder für den Nachwuchs zu sein, um der Welt zu zeigen, dass Deutschland gute Boxer hat und die Sportart so besser vermarkten zu können. Gerade für Randsporten sind die Olympischen Spiele die einzige Plattform, um sich zu präsentieren. In nicht-olympischen Jahren haben wir Probleme, uns Gehör zu verschaffen und zu zeigen, was für eine tolle Sportart das Boxen ist. Einer unserer Jungs hat sich bereits für Tokio qualifiziert und ich bin sicher, da werden noch einige mehr folgen.

Sollten die Spiele nicht stattfinden, könnte der Sport darunter schon sehr leiden.

Sporthilfe: Stichwort Vorbild: Sind Athleten in diesen Zeiten noch wichtiger als Idole als ohnehin schon?

Apetz: Auf jeden Fall. Man sieht es ganz schön in den sozialen Medien, wie viel Kreativität da bei den Athleten zu sehen ist, was zum Beispiel alternatives Training anbelangt, wie alle an einem Strang ziehen. Ich glaube, wir können als Leistungssportler eine ganz wichtige Botschaft nach draußen senden.

Sporthilfe: Henry, gilt das auch genauso für Athleten „außer Dienst“? Du bist Mitglied der „Hall of Fame des deutschen Sports“, habt Ihr eine besondere Verantwortung?

Maske: Unbedingt. Darüber zu reden, darauf hinzuweisen, dass der Sport eine ganz große Bedeutung hat, ist immens wichtig. Kinder und Jugendliche müssen sich im Sport ganz selbstverständlich mit Regeln auseinandersetzen, die es zu befolgen gilt, will man erfolgreich sein. Das ist anders als in der Schule. Über die sportliche Erfahrung kann man für das Leben sehr viel lernen. Insofern ist es sehr wichtig, dass wir als Leistungssportler Vorbilder sind.

(Veröffentlicht am 02.06.2020)



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