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Johannes Vetter: Auf der Jagd

Speerwerfer Johannes Vetter wurde bereits in jungen Jahren Weltmeister und brach den deutschen Rekord. Durch überstandene Verletzungen und Schicksalsschläge gereift peilt der 28-Jährige nun neue Ziele an: Olympia-Gold in Tokio und den 25 Jahre alten Weltrekord.


Offenburg, im Januar 2021. Obwohl das Rolltor der Rüdiger-Hurrle-Leichtathletikhalle geöffnet ist, gibt es kaum Zeugen für den Urschrei, den Johannes Vetter hier loslässt. Die benachbarte Realschule ist Pandemie-bedingt wie leergefegt, die Angestellten der Lebenshilfe befinden sich im Homeoffice, das Fitnessstudio nebenan hat geschlossen. Fast auf den Tag genau in sechs Monaten sollen die Olympischen Spiele in Tokio beginnen.

Johannes „Jojo“ Vetter trägt den Bart und die Haare länger als gewohnt, seit Dezember war er nicht mehr beim Frisör. Es lässt ihn älter wirken. Vetter hat keinen Zweifel daran, dass die Spiele stattfinden werden. Gemeinsam mit seinem Trainer Boris Obergföll steht er Tag für Tag in der Halle, um für seinen großen Traum vom Olympia-Gold zu ackern. Eine Bluetooth-Box spielt Kirmestechno. „Vergleichsweise melodische Musik heute“, grinst Vetter. Erstmals in diesem Winter feuert der Weltmeister von 2017 aus dem Anlauf heraus Speere in den drei Grad kalten Abendhimmel. Der weiteste landet bei 86 Metern, Trainer Obergföll ist zufrieden.

Seit 2017 hält Vetter den deutschen Rekord, im September vergangenen Jahres verbesserte er ihn auf 97,76 Meter. Der zweitweiteste Wurf überhaupt seit Einführung des aktuellen Speers im Jahr 1986, nur der Tscheche Jan Zelezný warf ihn vor 25 Jahren einmal 72 Zentimeter weiter. Für Vetter endete die Corona-Saison trotz der Olympia-Verschiebung damit versöhnlich. Vor fünf Jahren nahm er das erste Mal an Olympischen Spielen teil, beim Sieg seines Team-Kollegen und großen Konkurrenten Thomas Röhler verpasste er den Bronze-Rang nur um sechs Zentimeter. In Tokio will er eine Medaille gewinnen, am liebsten Gold. „Aber ich würde auch jeden anderen Platz verkraften“, sagt der 28-Jährige.

 

Seit Rio 2016 ist viel passiert in Vetters Leben. 2017 gewann er Gold bei der WM in London, vor den Augen seines Vaters. Seine Mutter, damals schwer an Krebs erkrankt, musste aus dem Krankenhaus zuschauen. Sie verstarb 2018, für den selbstbewussten und nach außen scheinbar unangreifbaren Speerwerfer ein schwerer Schicksalsschlag, mit dem er mental lange zu kämpfen hatte. 2019 verpasste er verletzungsbedingt einen Großteil der Saison, bei der WM im Oktober in Doha reichte es trotz Schmerzen für Bronze. In der kurzen Winterpause ließ er sich am Fuß operieren und drückte damit den Reset-Button.

„Diese zwei, drei Jahre voller Kampf und Verlust haben schon etwas mit meinem Kopf gemacht“,

sagt Vetter. „Ich bin definitiv reifer geworden.“

Vetter warf bei der World Athletics Continental Tour Gold im September 2020 starke 97,76 Meter, der zweitweiteste Wurf seit 1986. (Foto: picture alliance)

Mittlerweile sind sein Vater und die Familie seiner Schwester aus Dresden ebenfalls in den beschaulichen Ortenaukreis in Baden-Württemberg gezogen, wo Vetter seit 2014 lebt und trainiert. Sein privates Umfeld hat ihm viel Rückhalt gegeben, ihn stärker zurückkommen lassen als je zuvor. Zwischen Schwarzwald und Elsass fühlt er sich wohl, seit 2019 sitzt der schon immer meinungsstarke Athlet sogar als Kommunalpolitiker im Gemeinderat von Offenburg. Wer den Johannes Vetter vergangener Jahre kennt, stellt fest: Er hat sich verändert, ist ruhiger und erwachsener geworden. Auch stärker? Ja, glaubt der 1,88-Meter-Mann:

„Mental bin ich inzwischen sehr abgebrüht. Ich bin mir meines Könnens so sehr bewusst, dass ich weiß: Wenn ich fit und gesund bin, habe ich die Konkurrenz im Sack.“

Nach seinem Erfolg bei der World Athletics Continental Tour Gold 2020 hat Vetter nun das Ziel der Goldmedaille bei den olympischen Spielen in Tokio fest im Blick - und danach den Weltrekord. (Foto: picture alliance)

Mai 2021. Die dritte Welle ist gebrochen, die Olympischen Spiele in zehn Wochen werden mit großer Wahrscheinlichkeit stattfinden. Auch wenn die Infektionszahlen nur unwesentlich geringer sind als im Januar – die Stimmung im Land ist eine ganz andere. Auch bei Vetter, der die Haare jetzt wieder kürzer trägt und bereits vollständig geimpft ist. Der Saisonauftakt ist ihm mit regelmäßigen Würfen jenseits der 90-Meter-Markierung geglückt, darunter waren der dritt- und der achtweiteste Wurf der Geschichte. Vetter ist in der Form seines Lebens:

„Dafür will ich nun die Lorbeeren ernten – und das ist die Goldmedaille in Tokio.“

Dort rechnet jeder mit mindestens einer deutschen Speerwurf-Medaille. Neben Vetter gibt es in Thomas Röhler und Andreas Hofmann zwei weitere 90-Meter-Werfer. Sie haben auch den 25 Jahre alten Weltrekord im Visier. „Dafür muss wirklich alles zusammenkommen. Im Speerwerfen sind es kleine Details, die mitunter bis zu 15 Meter ausmachen können“, sagt der Sportsoldat, der sich in einer idealen Welt zunächst Olympia-Gold und dann im nächsten Jahr den Weltrekord wünscht. Nirgendwo anders als im Speerwerfen, wo die 800 Gramm schweren Wurfgeräte in circa 30 Metern Höhe durch die Luft segeln, gilt: The sky is the limit. Das gilt für einen gesunden Johannes Vetter erst recht. Die Jagdsaison ist eröffnet.

(Veröffentlicht am 09.07.2021)

Erschienen im Sporthilfe-Magazin go!d / Germany United - Zur kompletten Ausgabe (2/2021)


Johannes Vetter - Speerwurf

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