Niklas Kaul: Kampf dem Montags-Blues

Nach seinem vierten Platz im Zehnkampf der Leichtathletik-EM in Berlin peilt der Juniorsportler des Jahres 2017 als nächstes die Qualifikation für Tokio 2020 an – seine Duale Karriere hat er dabei aber weiter fest im Blick.


Montags-Blues an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz: Draußen pfeift der Wind um die Leichtathletikhalle, drinnen quält sich Niklas Kaul gerade über die überdimensionale Gymnastikmatte, die seine Mutter und Trainerin ausgerollt hat. Stabilisationsübungen stehen auf dem Trainingsplan, nicht gerade die Lieblingsdisziplin des 20-jährigen Top-Talents. Schon mit den Stabhochsprüngen davor war er heute nicht zufrieden. Und überhaupt: „Es ist 10:30 Uhr an einem Montag und ich bin schon seit vier Stunden auf den Beinen. Irgendetwas mache ich falsch“, schimpft Kaul. Halb im Spaß, halb im Ernst.

In der Tat sieht ein typisches Studentenleben anders aus. Doch der Lehramtsstudent für Physik und Sport ist eben auch kein typischer Vertreter seiner Art. In seiner Freizeit mache er „ganz gern mal Zehnkampf“, sagt Kaul und diesmal ist klar: natürlich purer Spaß. U20-Weltrekordler ist er, 2017 war er Juniorsportler des Jahres. Vergangenen Sommer wurde der Rheinhesse mit persönlicher Bestleistung Vierter bei der Leichtathletik-EM in Berlin, die Bronze-Medaille verpasste er nur knapp. Und das quasi ohne Vorbereitung.

Rückblende: Eine Woche zuvor ist Kaul Teil einer Pressekonferenz der Deutschen Sporthilfe. Thema ist das zehnjährige Jubiläum der Partnerschaft mit der DFL Stiftung, die den Sporthilfe-Förderbaustein Nachwuchselite-Förderung ermöglicht. Kaul profitiert seit 2017 davon, doch heute spricht er auch über die verpasste Qualifikation für den Saisonhöhepunkt in Berlin. Trotz einer starken Saison waren in seinem ersten Jahr bei den Männern drei andere besser. Noch während der PK versucht sein Vater ihn zu erreichen, denn nach der verletzungsbedingten Absage von Kai Kazmirek soll Kaul nachnominiert werden. Dann, nach der Fragerunde, der Rückruf. Der junge Sportler ist total perplex, verfährt sich auf dem Heimweg nach Mainz gleich dreimal. Und fliegt schon am nächsten Tag nach Berlin.

Kaul bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Sporthilfe und DFL Anfang August - kurz nach dem Anruf seines Vaters und kurz vor der spontanen Abreise nach Berlin

Berlin als Zwischenstation

Am Ende stand dort sensationell Rang vier. „Damit hätte ich nie gerechnet. Natürlich hat mir auch das Wetter etwas in die Karten gespielt – und natürlich das Publikum, das hinter einem stand“, sagt Kaul rückblickend. Den anfänglichen Montags-Blues hat er da schon wieder vergessen, die Augen leuchten, wenn er über Berlin 2018 spricht. Beim sensationellen Triumph von Arthur Abele, 32 Jahre alt, hatten einige Athleten Probleme mit der großen Hitze. Kaul, zwölf Jahre jünger, nicht. Vor allem in seiner Paradedisziplin Speerwurf und beim abschließenden 1500 Meter-Lauf machte der Youngster mächtig Boden gut.

Der Speerwurf ist Kauls Paradedisziplin

Eingeplant war die EM-Teilnahme im ersten Männer-Jahr nicht unbedingt, aber natürlich nimmt Kaul die im Olympiastadion gesammelten Erfahrungen dankend mit – genauso wäre es auch bei einer Qualifikation für die Leichtathletik-WM in Katar im Herbst dieses Jahres. Ausgerichtet ist seine Karriereplanung jedoch zu allererst auf die Olympischen Spiele in Tokio 2020. „Das wird hart, die deutsche Konkurrenz ist richtig gut. Aber dann macht es ja auch erst richtig Spaß“, sagt der junge Mann mit der Bestleistung von 8220 Punkten. Im besten Zehnkampf-Alter von Mitte bis Ende 20 befindet er sich ohnehin erst zu den Olympischen Spielen in Paris 2024.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, dessen ist sich der Sohn eines ebenso sportlichen wie erfolgreichen Ehepaares – Vater Michael war deutscher Meister über die 400 Meter Hürden und von 1992 bis 1995 Sporthilfe-gefördert, Mutter Stefanie war österreichische Meisterin über die gleiche Distanz – bewusst. Die coachenden Eltern achten auch darauf, dass das Studium nicht unter der Trainingsbelastung eines Zehnkämpfers leidet.

Von der Uni an die Schule

Kaul weiß um die Wichtigkeit der Dualen Karriere und hat schon in frühen Jahren seine berufliche Zukunft im Blick. „Ich sehe die Uni aber auch als wichtigen Ausgleich, wenn es im Sport mal nicht so gut läuft.“ Vor allem sein zweites Fach Physik sei eine ganz andere Welt als die des Leistungssports. Belastet mit manchem Klischee, das auch Kaul bestätigen kann. „Schülern aber irgendwann zeigen zu können, wie schön dieses Fach ist, motiviert mich sehr“, sagt der 20-Jährige. Deshalb hat er auch nicht nur ein sportliches, sondern auch ein berufliches Fernziel. Mit Mitte 30 montagmorgens als Olympia-Medaillengewinner vor einer Klasse zu stehen statt als Trainingsweltmeister in der Uni-Halle, das wär’s - das frühe Aufstehen wird bis dahin vermutlich kein Problem mehr sein.

(Veröffentlicht am 8. Januar 2019)

#kannnichtjeder - Zu Besuch bei Niklas Kaul



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