Was macht eigentlich…? Paralympicssiegerin Franziska Liebhardt

Aufgrund einer Autoimmunerkrankung musste die Leichtathletin 2009 lungen- und 2012 nierentransplantiert werden, zudem leidet sie an einer halbseitigen spastischen Lähmung. Dennoch wurde sie Paralympicssiegerin, WM-Zweite und Europameisterin im Kugelstoßen. Nach ihrer sportlichen Laufbahn machte sie sich als Vortragsrednerin einen Namen, seit 2017 ist sie Mitglied im Sporthilfe Alumni-Club. 2019 ging es gesundheitlich bergab, ausgerechnet während der Corona-Krise versagte die erste Spenderlunge. Wieder begann das quälende Warten auf ein Spenderorgan. Doch dann erhielt die 38-Jährige die erlösende Nachricht.


Nach sieben Monaten Wartezeit konnte Franziska Liebhardt endlich ihre (zweite) Spenderlunge transplantiert werden (Foto: picture alliance)

Franziska, wie geht es Dir?

Ich lebe! Und es geht mir schon wieder richtig gut! Ich habe zum dritten Mal das unheimlich große Geschenk eines Spenderorgans erhalten, das ist in Deutschland keinesfalls selbstverständlich, es gibt kein größeres Glück! Die Re-Transplantation ist jetzt gut zwei Monate vorbei, inzwischen kann ich schon wieder ganz gut durchatmen.

Ich freue mich über das Hier und Jetzt, das ist wunderbar!

Dabei sah es zwischenzeitlich gar nicht gut aus?

Ich musste am 13. September 2019 wieder auf die Warteliste zur Transplantation gesetzt werden. Eigentlich ein sehr gutes Datum, 2016 bin ich an diesem Tag in Rio Paralympics-Siegerin geworden. Diesmal bedeutete es jedoch für mich den Beginn einer sehr schwierigen Zeit. Zuletzt brauchte ich rund um die Uhr Sauerstoff, war ein Pflegefall. Das Coronavirus hat alles noch schlimmer gemacht. Nicht nur, dass ich in häusliche Schutzquarantäne musste und meine Liebsten mich nicht besuchen durften, sondern es gab auch die Befürchtung, dass durch Corona weniger transplantiert wird und für mich die Zeit nicht mehr reicht. Doch nach sieben Monaten, in denen ich auf den erlösenden Anruf gewartet habe, kam er endlich, an einem Abend gegen 22:30 Uhr.

Was ging Dir in diesem Moment durch den Kopf?

Es war ein Mischmasch aus Aufregung, Ängsten und Vorfreude. Ich habe die Familie angerufen, ihnen von der frohen Mitteilung berichtet. Die Organisation der ersten Tage nach der Transplantation hatte ich lange vorher erledigt. Wer ruft wen an, wer sagt welche Termine ab, wer kümmert sich um die Wohnung. Und dann geht’s sofort los. Innerhalb von 30 Minuten kam der Krankenwagen, um mich von Würzburg ins Transplantationszentrum nach Hannover zu bringen. Dort wurde ich für die OP vorbereitet, obwohl zu dem Zeitpunkt noch gar nicht feststand, ob das Organ tatsächlich passt. Die Chirurgen aus Hannover setzten sich in ein Flugzeug, flogen zum Spender, sahen sich die Lunge an und entschieden, dass sie verwendet werden kann. Ich habe auf dem Rückflug der Ärzte die Nachricht erhalten, dass ich operiert werde. Ob die Lunge auch wirklich funktioniert, weiß man erst danach.

Offensichtlich hat es funktioniert, wie geht es jetzt aktuell weiter?

Ich bin nach sechs Wochen Klinikaufenthalt und Reha wieder zuhause, übe das sportlichere Gehen, Treppensteigen und Fahrradfahren. Noch habe ich einen langen Weg vor mir.

Ein Spenderorgan zu erhalten, bedeutet nicht, dass man anschließend gesund ist. Man muss bereit sein, um sein Leben zu kämpfen und die Verantwortung für das Organ zu übernehmen – es ist das größte Geschenk, welches einem ein anderer Mensch machen kann.

Da fühlt man wirklich große Demut und einen tiefen Dank gegenüber dem Spender und seiner Familie. Man beschwert sich nur noch selten über irgendwelche Kleinigkeiten. Denn man lernt in solchen Situationen, wie wichtig Leben ist. Nur Leben. Kein Geld, kein Haus, kein teures Auto. Morgens wachzuwerden, Luft zu bekommen, rausgehen zu können – einfach Glück empfinden zu dürfen. In mein altes und vor allem aktives Leben zurückkehren zu können, wäre der Traum. Daran arbeite ich jeden Tag.

2016 gewinnt Franziska Liebhardt in Rio die paralympische Goldmedaille - Erinnerungen, die sie bis heute prägen und motivieren (Foto: picture alliance)

Können Dir auf diesem Weg zurück Deine Erfahrungen aus dem Sport helfen?

Die Zeit rund um Rio und die Paralympics hat mich vor allem durch die erneute Wartezeit getragen. Der Sport kann einem vieles lehren, was man auch im Kampf gegen eine schwere Erkrankung braucht. Wer als Sportler sozialisiert wurde, weiß, dass es ohne eiserne Disziplin, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, auch mal Rückschläge einzustecken, keinen Erfolg geben kann. Positive Emotionen, unvergessliche Momente und Bilder, Bekanntschaften um die ganze Welt, all diese Dinge geben mir zusätzlich Kraft, wenn das Leben schwer wird. Und Durststrecken gibt es und wird es auch zukünftig immer geben. Rio hat mir Erlebnisse und positive Bilder geschenkt, die mir niemals wieder  jemand nehmen kann – egal, was kommen wird. Das ist ein großer emotionaler Schatz, den ich hüte und genieße!

Nach ihrem Karriereende gibt Franziska Liebhardt ihre Erfahrungen als erfolgreiche Speakerin weiter (Foto: picture alliance)

… den Du mit anderen Menschen teilst, denn bevor sich Dein Gesundheitszustand verschlechterte, warst Du eine gefragte Vortragsrednerin.

Ich hatte nach meinem Karriereende die Möglichkeit bekommen, am Speaker-Training der Sporthilfe teilzunehmen. Es war die Basis, dass ich seit Ende 2017 hauptberuflich als Speakerin unterwegs sein konnte. Es waren Vorträge im Zusammenhang mit dem Thema Organspende, auch zum Thema Motivation und Resilienz. So habe ich zum Beispiel mit einem Neurochirurgen gemeinsam Workshops für Klinikpersonal zum Thema Hirntod und Organspende angeboten, moderierte aber auch regelmäßig Veranstaltungen. Ich konnte mich komplett damit finanzieren – bis sich meine Lungenfunktionswerte verschlechterten.

Wie war es dazu gekommen?

Zehn Jahre hatte meine erste Spenderlunge super funktioniert, aber leider haben Spenderorgane eine gewisse „Halbwertszeit“, und so ist es bei mir 2019 zu einem chronischen Transplantatversagen gekommen. Ich musste ein zweites Mal auf die Warteliste. Mit ungewissem  Ausgang, denn hierzulande können wir leider nicht jedem Menschen ein Organ zum Überleben geben.

Viele Menschen sterben auf den Wartelisten. Eigentlich ein Skandal, aber leider Realität in Deutschland.

Dass sich die Organspende-Kultur in Deutschland ändert, dafür kämpfst Du auch als Vorstandsmitglied im Verein „Sportler für Organspende“ (VSO).

Im VSO unterstützen mehr als 100 Olympia- und Paralympics sieger, Welt- und Europameister, darunter auch zahlreiche Sporthilfe Alumni-Club-Mitglieder die Idee der Organspende. Sie treten für die Möglichkeit ein, nach dem eigenen Tod neues Leben zu schenken, haben einen Organspendeausweis. Das gibt anderen ein Beispiel und macht den Kranken auf den Wartelisten Mut.

Wir kämpfen dafür, dass Organspende in Deutschland etwas Selbstverständliches wird.

(Veröffentlicht am 24.06.2020)

Erschienen im Sporthilfe-Magazin go!d - Zur kompletten Ausgabe (2/2020)




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