Fechterinnen Leonie Ebert und Cornelia Hanisch im Doppelinterview: "Leistungssportler nehmen heute mehr auf sich als vor 40 Jahren“

Fecht-Legende Cornelia Hanisch, Mitglied der „Hall of Fame des deutschen Sports“, und Nachwuchshoffnung Leonie Ebert kannten sich bisher nur vom Namen und von Bildern – im Video-Doppelinterview lernten sich die beiden Florett-Fechterinnen nun persönlich kennen. Ein Gespräch über Verantwortung, verspätetes Olympia-Glück und die richtige Einstellung für den Leistungssport.


Frau Hanisch, Sie sind pensionierte Lehrerin, das Thema Home-Schooling blieb Ihnen also zumindest erspart. Wie kommen Sie sonst mit der Coronakrise zurecht?

Cornelia Hanisch: Eigentlich ganz gut. Ich versuche, meine Kontakte so gut es geht weiter zu pflegen, kann einkaufen, Sport treiben. Insofern bedrückt mich vor allem die Situation derer, die besonders unter der Pandemie leiden und damit auch persönlich zu kämpfen haben.

Lockdown statt Olympia: Die Coronakrise stellte die Planung der deutschen Fechter um Leonie Ebert (links) noch während der Qualifikationswettkämpfe auf den Kopf (Foto: picture alliance)

Dazu gehören nicht zuletzt auch die Athleten, deren Alltag quasi über Nacht auf den Kopf gestellt wurde. Leonie, Du warst gerade in den USA, als sich die Nachrichten weltweit überschlugen. Was ging Dir da durch den Kopf?

Leonie Ebert: Ich war in Los Angeles, wo unser letzter Qualifikationswettkampf für die Olympischen Spiele hätte stattfinden sollen. Ehrlich gesagt war mir schon in den Wochen davor etwas unwohl, weil mir klar wurde: Ich möchte mich nicht anstecken und meine Familie schützen, auf der anderen Seite trainiere ich jeden Tag und fliege zu einem Wettkampf, bei dem ich auf Leute aus der ganzen Welt treffe. Insofern war ich im ersten Moment etwas erleichtert, als der Grand Prix abgesagt wurde. Nur ging es dann erst los: Es war unsicher, ob und wie wir zurück nach Deutschland kommen, das war ziemlich aufwühlend. Erst zuhause wurde einem dann bewusst, was das für uns Sportler bedeutet:

Monatelange Unsicherheit, kein richtiges Training, keine Olympischen Spiele. Das musste ich erst einmal sacken lassen.

Frau Hanisch, können Sie das als ehemalige Athletin nachvollziehen?

Hanisch: Sehr gut sogar. Auch ich konnte wegen des Boykotts 1980 ja einmal nicht an Olympischen Spielen teilnehmen.

Wegen des Boykotts 1980 nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen zu  können, war für uns damals vielleicht sogar noch brutaler. Es war politisch – was jetzt geschieht,  passiert der ganzen Welt gleichermaßen.

Das hat schon wütend gemacht, weil wir Sportler überhaupt nicht eingebunden und völlig ohnmächtig waren. Ich habe drei Monate gebraucht, um das zu verdauen. Aber als dann das Training wieder losging, hatte ich es ganz gut überwunden – und meine Olympia-Medaille habe ich zum Glück ja noch bekommen ...

… sogar zwei mit Mannschafts-Gold und Einzel-Silber 1984. Dennoch wären Sie 1980 als amtierende Weltmeisterin die Favoritin gewesen. Wie lange braucht man als Athlet, um nach so einer Karriereunterbrechung wieder bei 100 Prozent zu sein?

Hanisch: Man braucht sowieso ab und zu mal eine Pause – für den Kopf und für den Körper, insofern war das für uns damals gar nicht so schlimm. Ich glaube, dass Leonie jetzt in einer schwierigeren Situation steckt. Klar kann sie sich physisch fithalten, aber die fechtspezifischen Übungen, das Klingenspiel mit dem Florett, das fehlt. Fechten ist nun mal ein Zweikampfsport.

Ebert: Stimmt. Ich muss aber auch sagen: Unsere Saison dauert elf Monate und im Sommer haben wir dann drei Wochen, in denen man sich mehr schlecht als recht erholen kann. Zudem habe ich den letzten Jahren teilweise drei Saisons auf einmal gefochten – bei den Kadetten, den Junioren und bei den Erwachsenen. Ich habe mich nun so eingestellt, im Unglück eine Chance zu sehen, mental Kraft zu schöpfen. Fechten ist im Kopf unheimlich herausfordernd, insofern glaube ich, dass einen ein frischer Geist noch weiter pushen kann.

Hanisch: Leonie, Du bist aus bestem Leistungssportholz geschnitzt! Du schaust nach vorne und siehst die positive Seite – das kann man nicht lernen. Mich begeistert auch, dass Du Musik machst, das sehe ich an Deinen Bewegungen, und dass Du Schach magst. Fechten ist wie ein Schachspiel. Es gibt intuitive Fechter und solche, die sich einen Plan zurechtlegen – so ein Typ war zum Beispiel ich.

Ebert: Vielen Dank! Natürlich gibt es verschiedene Stile und Herangehensweisen, aber mich hat das Austricksen des Gegners, das Spielerische immer mehr fasziniert als das Ungestüme. Ich bin ein kreativer Mensch, sicher auch durch das Klavierspielen (Ebert machte ihr Abitur an einem musischen Gymnasium, Anm. d. Red.) – das hat geholfen, meinen Stil zu finden.

Leonie Ebert versucht die Corona-Pause bestmöglich für sich zu nutzen (Foto: privat)

Ich habe mich nun so eingestellt, im Unglück eine Chance zu sehen, mental Kraft zu schöpfen. Fechten ist im Kopf unheimlich herausfordernd, insofern glaube ich, dass einen ein frischer Geist noch weiter pushen kann.

Den Stil, den Du in Tokio erstmals auf olympischer Bühne präsentieren willst. Wie schwer ist es für Dich, nun noch ein Jahr länger auf die Spiele warten zu müssen?

Ebert: Ich bin in den letzten Jahren ja kontinuierlich nach oben geklettert, was natürlich toll war. Aber es ist unfassbar schwierig, sich dann auch in der Weltspitze zu halten. Das ist die größte Herausforderung. Wie gesagt ist das für mich jetzt die Zeit, bestimmte Kleinigkeiten zu verbessern und den Körper einhundertprozentig vorzubereiten.

Hanisch: Du machst es genau richtig. Diejenigen, die schnell sehr erfolgreich sind, hören auch schneller wieder auf. Und Du bist noch so jung! Für mich war es 1980 hart, weil ich mit 28 im besten Fechteralter war und nicht wusste, ob in vier Jahre später noch einmal die Chance haben werde. International habe ich das Fechten ein paar Jahre lang mitbeherrscht, da wäre es schade gewesen, wenn ich keine Olympia­Medaille gewonnen hätte.

Fechten heute: Mit einem artistischen Hieb versucht Ebert (l.) ihre Gegnerin zu treffen (Foto: picture alliance).

Inwiefern hat sich Ihr Sport denn im Laufe der Jahre verändert?

Hanisch: Es ist schwieriger geworden. Nicht unbedingt von den Trainingsumfängen, aber weil die Qualifikationsturniere auf der ganzen Welt verstreut sind. Man muss viel reisen, das wirkt sich enorm auf die Planung aus. Ebenso wie die Dopingkontrollen, für die man jederzeit erreichbar sein muss. Ein Leistungssportler nimmt heutzutage, so denke ich, mehr auf sich als vor 30, 40 Jahren. Und das Fechten an sich ist ganz klar schneller geworden, intuitiver. Im Vergleich zu heute war das bei uns Zeitlupe. Das ist wie bei alten Fußball­ oder Tennisspielen.

Ebert: Trotzdem gibt es heute einen bestimmten Fechtstil und ein Niveau, mit dem man mithalten muss, und genauso gab es das auch zu Ihren Zeiten. Wer wiederholt Weltmeisterin wird, bei Olympia Medaillen gewonnen hat, hat auf jeden Fall etwas Außergewöhnliches, das einen von anderen abhebt. Insofern ist es egal, wann man Titel holt – man muss dafür genauso kämpfen. Jetzt ist eine Zeit, in der die Deutschen nicht mehr so dominieren wie damals. Also gilt es für mich, die  Konkurrenz zu jagen und sie vom Thron zu stürzen.

 

Was glaubt die Expertin: Wird Leonie mit ihrer Jagd erfolgreich sein können?

Hanisch: Ich habe Videos von ihr gesehen und bin begeistert. Sie hat einfach die richtige Einstellung, den richtigen Charakter. Leonie, ich mache mir überhaupt keine Sorgen und weiß, dass Du Deinen Weg gehen wirst. Aber ich habe eine Bitte: Ich könnte zwar Deine Großmutter sein, aber Du kannst mich trotzdem duzen, schließlich bin ich auch Fechterin (lacht).

Ebert (grinst): Ich habe einmal ein Zitat von Ihnen … nein, von Dir, gelesen: „Man darf bei aller Anstrengung und Zielsetzung die Lockerheit nicht verlieren.“ Das hat mich beeindruckt. In der Olympia-Qualifikation habe ich gelernt, dass das die wichtigste Eigenschaft ist, die man im Fechten haben kann – nicht die größten Muskeln oder die schnellsten Beine, sondern es geht darum, den anderen auszutricksen. Wer verkrampft ist, verliert seine Leichtigkeit.

Hanisch: Es ist noch etwas Anderes: Ich sage Dir, den brutalsten Moment meines Lebens habe ich erlebt am Abend vor dem Wettkampf in Los Angeles. Ich wusste, es war meine letzte Chance, eine olympische Medaille zu gewinnen und ich war die Favoritin. Es war ein enormer Erwartungsdruck, den ich mir selbst gemacht habe. Ich nenne es Angstlust. Ich hatte Angst, aber ich hatte auch Lust, diese Angst zu besiegen. Genau das habe ich mir vor dem Wettkampf noch einmal in Erinnerung gerufen und da war ich am stolzesten drauf.

Mit dieser Einstellung haben Athleten auch eine Vorbildfunktion, gerade in diesen Zeiten. Frau Hanisch, müssen Leistungssportler dieser Rolle heute stärker gerecht werden?

Hanisch: Vorbilder mussten und sollten sie zu jeder Zeit sein. Aber klar: In dieser Medienwelt, die sich völlig verändert hat, haben die Athleten noch größeren Einfluss.

Man sollte sich als Sportler generell darüber im Klaren sein, dass man Werte wie Fairness, Leistung und Miteinander repräsentiert und damit versuchen muss, junge Leute positiv zu beeinflussen.

Fechten früher: Bei den Olympischen Spielen 1984 gewinnt Hanisch (r.) Silber im Einzel und Gold im Team (Foto: picture alliance)

Ebert: Das glaube ich auch. Sowohl zu Deinen Zeiten als auch heute gelten Athleten als Vorbilder. Durch Social Media ist es möglich, direkter zu kommunizieren. Daher ist es auch so wichtig gewesen, dass Olympia schnell verschoben wurde – damit sich nicht ausgerechnet die Sportler in Trainingshallen schleichen und damit gegen die Auflagen verstoßen mussten.

Gilt das umso mehr für Mitglieder der „Hall of Fame des deutschen Sports“?

Hanisch: Wer in die „Hall of Fame“ kommt, hat ein Sportlerleben hinter sich und immer versucht, die Werte des Sports nach außen zu tragen. Klar ist das eine Ehre, aber es ist auch eine Verpflichtung. Ich glaube generell, dass Menschen in ihrem Beruf Verantwortung für ihre Umwelt tragen – egal ob sie Musiker oder Sportler sind. Nur so können wir eine lebenswertere Welt schaffen. Ich denke, dass durch die Coronakrise hier auch Chancen für die Gesellschaft entstehen, nicht nur im Sport, und dass man diese Chancen auch nutzen sollte.

Während ihrer Karriere wurde Cornelia Hanisch (hier bei der Verleihung der Goldenen Sportpyramide 2016 mit Ehemann Prof. Dr. Manfred Bauer) von der Deutschen Sporthilfe unterstützt. 2011 wurde sie von der Stiftung in die "Hall of Fame des deutschen Sports" aufgenommen (Foto: picture alliance)

Sie führen bzw. führten beide eine Duale  Karriere, Leonie studiert Internationales Management, Cornelia Hanisch wurde Lehrerin. Wie war das damals mit der Vereinbarkeit?

Hanisch: Ich habe mich damals voll und ganz auf den Sport konzentriert. Ich war ja noch Studentin, nicht berufstätig, von daher konnte man immer mal ein bisschen schieben oder mal etwas mehr machen. Aber: Wir Fechter stehen nur selten in der Medienöffentlichkeit, daher war es ganz entscheidend, dass wir die Unterstützung der Sporthilfe bekommen haben.

Ich muss klar sagen: Ohne die Sporthilfe hätte ich meine sportlichen Erfolge nicht erreicht.

Ebert: Die Förderung ist auch für mich essentiell. Als Sporthilfe und Bundeswehr noch vor der Olympia-Verschiebung die Fortsetzung ihrer Förderung versichert haben, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Immerhin organisiere ich in meinem Training vieles selbst und muss einen erheblichen Teil auch selbst bezahlen. Würde die Förderung wegbrechen, wäre das für mich eine Katastrophe. Man hört ja nicht monatelang auf zu trainieren, nur, weil Olympia ein Jahr später stattfindet.

(Veröffentlicht am 04.08.2020)

Erschienen im Sporthilfe-Magazin go!d - Zur kompletten Ausgabe (2/2020)

Cornelia Hanisch

Geboren: 1952

Sporthilfe-gefördert: 1973-1986

Größte Erfolge: 3x Weltmeisterin (Einzel), 1x Olympiasiegerin (Mannschaft), 2x Olympia-Silber (Einzel & Mannschaft)

Leonie Ebert

Geboren: 1999

Sporthilfe-gefördert: seit 2014

Größte Erfolge: EM-Bronze (Mannschaft), U20-Europameisterin (Einzel), U17-Weltmeisterin (Einzel)

 



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