Die Hockey-Geschwister Selin und Timur Oruz: Brother-Sister-Act

Nahezu im Gleichschritt fanden die Geschwister Selin und Timur Oruz ihren Weg an die Hockey-Weltspitze, gewannen mit den „Danas“ und den „Honamas“  bereits 2016 in Rio Olympia-Bronze. Ein Blick ins Familienalbum der beiden Hockeynationalspieler.


Die Olympischen Spiele vor vier Jahren in Rio de Janeiro gingen Selin und Timur Oruz im wahrsten Sinne unter die Haut. Als „intensivste und krasseste Zeit“ ihres Lebens bezeichnet Selin die zwei Wochen in Brasilien, die sie wie Timur mit dem Gewinn der Bronzemedaille krönte. Zurück im Rheinland ließen sich die Geschwister ihre Erinnerungen dann in Tattoo-Form verewigen. „In irgendeinem Heavy-Metal-Kellerstudio in Köln war das“, lacht Selin. Vor allem ihre Mutter sei dort zunächst sehr skeptisch gewesen – um am Ende dann allerdings darauf zu bestehen, ihren beiden Kindern stolz das Ringe-Tattoo am Knöchel zu bezahlen.

Selin und Timur Oruz, Hockey
Bereits im Kindesalter beginnt Timur mit dem Hockeysport - Selin eifert ihm im Alter von nicht einmal vier Jahren nach. (Foto: privat)

Rund 15 Jahre vor dem begleiteten Gang zum Tätowierer hatten die Eltern schon einmal eine sehr gute Investition für ihre Kinder getätigt: Mit nicht einmal vier Jahren meldeten sie Selin beim Crefelder Hockey- und Tennis-Club an, dem Verein, bei dem auch schon der drei Jahre ältere Timur spielte. Ein Freund der Familie trainierte die Jugend beim HTC, mit dem Fahrrad war das Trainingsgelände keine zehn Minuten vom Zuhause der Oruz‘ entfernt.

„Hockey wurde uns zwar nicht direkt in die Wiege gelegt, war aber immer da.

Es war also klar, dass Selin nachziehen musste“, sagt Timur. Von seinen Erfahrungen im Leistungssport und seiner großen Unterstützung profitierte die kleine Schwester enorm, ging der Bruder doch immer einen kleinen Schritt voraus. Nur einmal war Selin dann doch früher dran: Ihren Einstand bei der Damen-Nationalmannschaft, den „Danas“, feierte sie im Herbst 2013 als 16-Jährige. Timur zog ein Jahr später nach, mit 20 Jahren debütierte er bei den „Honamas“.

Das gibt aber maximal Anlass für Frotzeleien, denn abgesehen von den üblichen pubertären Schwankungen sind Timur und Selin ein Herz und eine Seele – obwohl der eine in Köln und die andere in Düsseldorf lebt, er den Karneval liebt und sie lieber davor flüchtet. Besonders kurz war die Distanz bei ihrem größten Karriereerfolg, der Bronzemedaille von Rio. Timur schwärmt von der Zeit in Brasilien:

„Gemeinsam bei den Olympischen Spielen zu sein und dann auch noch die gleiche Medaillenfarbe zu gewinnen, das war schon richtig cool“

 

Inzwischen gehören beide mit zusammengerechnet fast 200 Länderspielen auf dem Konto zum festen Stamm. Trotzdem ist die Teilnahme an ihren zweiten Olympischen Spielen kein Selbstläufer: Gerade bei den Herren, wo mit Kais al Saadi erst nach der erfolgreichen Olympia-Qualifikation im November ein neuer Coach übernommen hat, werden derzeit viele Karten neu gemischt. Auch Frauen-Bundestrainer Xavier Reckinger wird erst in den Wochen und Monaten vor den Spielen im Jahr 2021 final über seinen Kader entscheiden, der wie bei den Herren 16 Olympia-Fahrerinnen und zwei Ersatzspielerinnen umfassen wird. Eine der Auserwählten zu sein, „würde mir noch mehr bedeuten als damals in Rio“, sagt Selin, für die die Nominierung vor vier Jahren etwas überraschend gekommen war. Seitdem war sie aber immer Teil der Mannschaft, hat sich ein gewisses Standing erspielt und gehörte bei allen Turnieren zum Kern der Danas. Nach einem Vier-Jahres-Zyklus auf höchstem Level würde die Tokio-Teilnahme auch im Jahr 2021 niemanden überraschen – Selin selbst warnt aber davor, sich allzu sicher zu sein. Die Eltern, die schon in Rio bei jedem Spiel live dabei waren, hatten die Flüge nach Japan bereits frühzeitig reserviert, glücklicherweise mit Umbuchungsoption, wie Timur erzählt: „Die Hockey-Eltern sind immer gut organisiert."

Selin und Timur Oruz, Hockey
Selin und Timur Oruz gehören zu den Stützen der deutschen Hockeynationalmannschaften, mit denen sie 2016 jeweils Olympia-Bronze gewinnen konnten (Foto: privat)

Papa Galip Oruz ist gebürtiger Türke, kam als Zwölfjähriger mit seiner Mutter aus Istanbul nach Deutschland, kämpfte sich nach oben und studierte Medizin. Im Studium lernte er seine spätere Frau kennen, ebenfalls Ärztin. Gemeinsam haben sie drei Kinder, der älteste Sohn heißt Enis und ist körperlich und geistig beeinträchtigt.

Selin und Timur Oruz, Hockey
Urlaubserinnerungen: Selin und Timur wachsen in einem behüteten Umfeld auf. (Foto: privat)

Selin und Timur macht ihre Herkunft jeweils zu den ersten türkischstämmigen Nationalspielern im deutschen Hockeysport. „Zumindest hört man das immer wieder“, sagt Timur, „lange in den Hockey-Annalen nachgeforscht“ habe er aber nicht. Beide betonen: Eine klassische Migrantenbiographie haben sie nicht aufzuweisen. „Wir sind so behütet aufgewachsen wie überhaupt nur möglich“, so Timur. Wie seine Schwester will er Vorbild sein, dazu beitragen, mehr Vielfalt ins augenscheinlich sehr homogene Hockeyumfeld zu bringen. Die Zugangsbarrieren für schlechter Verdienende sind recht hoch – häufig befinden sich die Vereine in besseren Gegenden, Mitgliedsbeiträge und Ausrüstung sind teuer, laut Timur ein zentrales Problem des Sports:

„Anders als der Fußball demonstriert der Hockeysport: Hier kann es eben nicht jeder schaffen“

Er sieht dabei durchaus Parallelen zu den Debatten im Handball und findet: „Wenn die Öffentlichkeit das kritisiert, dann hat sie jedes Recht dazu.“

Unterhält man sich mit Selin und Timur Oruz, lernt man zwei sympathische und offene, aber auch sehr ehrgeizige und bestimmte Menschen mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn kennen. Beide treten beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern und studieren Medizin – Selin in Düsseldorf, Timur an einer Privat-Uni in Witten bei Dortmund.

Vor zweieinhalb Jahren erlitt der 25-Jährige bei einem Spiel in Indien eine schwere Knieverletzung, die – so sagt er selbst – das Potenzial gehabt hätte, seine Karriere frühzeitig zu beenden. „Das hat mich mental stark mitgenommen“, erinnert er sich. Spätestens da habe er gemerkt, wie wichtig es ist, neben dem Sport die Duale Karriere voranzutreiben. Unterstützung bekommen beide über die Sporthilfe, sie werden seit 2013 bzw. 2014 gefördert, als Mitglieder der Hockey-Teams aktuell in der höchsten Stufe, der ElitePlus-Förderung. Das Medizinstudium passt übrigens noch aus einem anderen Grund sehr gut zu Timur Oruz: Er ist seit seinem sechsten Lebensjahr Typ 1 Diabetiker, einer der weltweit ganz wenigen Leistungssportler überhaupt. Seit einigen Jahren macht er seine Krankheit öffentlich zum Thema, weil er auch hier ein Vorbild sein möchte. Im Leistungssport stellt Diabetes ihn immer mal wieder vor Herausforderungen, etwa beim Essen im Trainingslager, bei Turnieren und ja, auch in der Mensa im Olympischen Dorf. Ein Hindernis ist das aber nicht, denn Timur geht damit nonchalant um und sagt: „Ich bin das inzwischen ja gewohnt.“ Zumindest aus dieser Perspektive steht einer Wiederholung des Brother-Sister-Acts in Tokio nichts im Wege.

Selin und Timur Oruz, Hockey
2016 nahmen Selin und Timur gemeinsam an den Olympischen Spielen in Rio teil. 2021 wollen sie diesen "Familienausflug" wiederholen. (Foto: privat)

(Veröffentlicht am 30.04.2020)



Immer auf dem Laufenden bleiben?

Unsere Nationalen Förderer