"Nicht alles am Medaillenspiegel festmachen“

Katja Seizinger, dreifache Olympiasiegerin im Ski alpin, spricht im Sporthilfe-Interview über die Medaillen-Chancen von Viktoria Rebensburg und Thomas Dreßen in Pyeongchang, über das Für und Wider der Beachtung des Medaillenspiegels, über die Vorbildfunktion von Felix Neureuther für den Nachwuchs, den Stellenwert des Sports in Deutschland und fordert ein Umdenken des IOC bei der Vergabe von Olympischen Spielen.


Am Freitag beginnen die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang. Kribbelt es schon bei Dir?

Katja Seizinger: Olympische Spiele sind etwas Besonderes, ein Highlight, Winter wie Sommer. Als ehemaliger Sportler verfolgt man das auf alle Fälle. Ich fiebere mit und freue mich über jede deutsche Medaille, egal in welcher Sportart. Ich freue mich auch für Athleten, die ich persönlich kenne, wie beispielsweise Beat Feuz, oder die ich schätze, wie Aksel Lund Svindal, weil er trotz seiner vielen Erfolge auf dem Boden geblieben ist und eine tolle Ausstrahlung hat. Wenn er jetzt zum Abschluss nochmal eine Goldmedaille mitnimmt, würde ich ihm das sehr gönnen.

Verfolgst Du die Rennen live am Fernseher?

Katja Seizinger: Die Herrenabfahrt, ja…

Katja Seizinger traut Viktoria Rebensburg nach Gold 2010 in Vancouver und Bronze 2014 in Sotchi auch in PyeongChang eine Medaille zu.

… Du stehst dafür auf?

Katja Seizinger: Die ist mitten in der Nacht? [lacht] Stimmt. Bei der Herrenabfahrt hätte ich jetzt spontan ja gesagt, aber dann muss ich nochmal schauen, wann die genau ist. Aber die Top-Rennen versuche ich mir schon anzuschauen. Auch andere Entscheidungen wie z.B. beim Skispringen, das verfolge ich dann schon auch, zumindest im Liveticker. Wenn man einen persönlichen Bezug zu Athleten hat, dann fiebert man mit.

Wie siehst Du die deutschen Medaillenchancen im alpinen Bereich?

Katja Seizinger: Unsere größte Medaillenhoffnung ist natürlich aufgrund der Ergebnisse in der laufenden Saison und ihrer Erfahrung  die Vikki [Viktoria Rebensburg; Anm. d. Red.] Sie ist im Damenbereich leider die Einzige, die ich in den Medaillenrängen sehe. Im Herrenbereich haben wir in der Saison verletzungsbedingt ziemlich Federn lassen müssen, aber Thomas Dreßen gehört sicherlich im Speedbereich zum erweiterten Kreis der Medaillenkandidaten. Der Kreis derer, die hier vorne mitmischen können, ist acht bis zehn Mann groß. Die Topfavoriten sind Aksel Lund Svindal und Beat Feuz; sie müssen ihre Position verteidigen. Aber von „hinten“ können wir kommen.

Was sagst Du generell zum Überraschungssieger von der Streif in Kitzbühel?

Katja Seizinger: Das war natürlich sensationell. Schön, wie Thomas sich gefreut hat, das war sympathisch und einfach nett. Das tut dem deutschen Skisport gut. Ich glaube, international ist das auch sehr gut aufgenommen worden, auch seine Art und Weise, wie er sich nach dem Erfolg gegeben hat. Das spricht für ihn, solche Typen gefallen mir. Wenn er diesen Weg so weitergehen kann, dann hat der deutsche Skisport auch in den Speed-Disziplinen wieder ein Vorbild. Damit wird auch dem Felix [Neureuther; Anm. d. Red.] Druck genommen, wenn da noch einer neben ihm ist, der mit im Fokus steht. Felix hatte es in den letzten Jahren nicht einfach. Er musste für fehlende Erfolge im Herrenbereich alleine gerade stehen.

Bei Olympischen Spielen steht der Medaillenspiegel immer wieder im Fokus. Ist es in Deinen Augen wichtig, dass Deutschland hier weit vorne landet?

Katja Seizinger: Wenn man es unter dem Aspekt betrachtet, dass man auch zukünftig junge Menschen zum Sporttreiben motivieren möchte, dann sind Vorbilder dafür ganz wichtig. Vorbilder entwickeln sich in erster Linie dann, wenn sie eine entsprechende Präsenz in der Öffentlichkeit haben. Dann identifizieren sich Kinder mit der Person und der Sportart und entwickeln selbst den Wunsch, diese Sportart auszuüben. Von daher wäre es schön, wenn nicht alles - und somit auch die Fernsehpräsenz - nur am Medaillenspiegel festgemacht werden würde. Das degradiert einen vierten oder auch fünften Platz, hinter denen ebenso herausragende Leistungen und Persönlichkeiten stehen.

Thomas Dreßen bei seinem sensationellen Erfolg auf der legendären Streif im Januar 2018.

Die Deutsche Sporthilfe zahlt deshalb auch Prämien bis zu Platz acht. Prämien, die oft als viel zu niedrig kritisiert werden.

Katja Seizinger: Ich halte nichts davon, Medaillen mit hohen Prämien zu belohnen, da wird man dem Sport nicht gerecht. Man sollte ohnehin eine Unterstützung nicht an einem einzelnen Erfolg, an einer Medaille festmachen. Das wäre eine ungerechtfertigte Reduzierung. Ein Georg Hackl hat mit seinen über Jahre hinweg durchgängigen Erfolgen, mit seiner Präsenz in Bayern weit mehr geleistet– auch wenn er nicht Olympiasieger geworden wäre. Es kommt auch auf die Persönlichkeit an. Bestes Beispiel aus meiner Sportart ist Felix Neureuther. Es sind nicht nur seine Erfolge, die bei ihm zum Tragen kommen. Aufgrund seiner Persönlichkeit hat er so viel Vorbildfunktion, und es gibt so viele Kinder, die ihm nacheifern, da muss man versuchen hinzukommen. Das bietet viel mehr für den Nachwuchs, als eine Goldmedaille.

Wie siehst Du heutzutage die Bedingungen, Kinder – Du hast ja auch zwei – an den Leistungs- und im weiteren Verlauf an den Spitzensport heranzuführen?

Katja Seizinger: Mein Credo ist, dass Kinder viele Sportarten ausprobieren sollten, um den Körper vielseitig zu schulen und herauszufinden, was ihnen am meisten liegt. Sport ist eine gute Grundlage für das weitere Leben. Wettkampfsport sollte man unterstützen – wenn die Kinder es denn wollen -, weil sie dort lernen, sich auf den Punkt zu konzentrieren, Leistung zu bringen, Niederlagen wegzustecken. Beim Spitzensport sehe ich jedoch ein Für und Wider. Bezogen auf meine Sportart sieht man mit Abstand das Verletzungsrisiko mit anderen Augen, insbesondere als Eltern. Von daher bin ich momentan nicht traurig, dass meine Kinder nicht im alpinen Rennzirkus landen werden. Aber meine Tochter reitet, das ist auch nicht ungefährlicher. Von daher, ein gewisses Risiko ist schon da, aber man kann sie ja auch nicht in Watte packen. Dazu kommen natürlich auch immer wieder die negativen Nachrichten rund um Dopingpraktiken. Ich würde somit keinesfalls mit aller Kraft vorantreiben, ein Kind in den Leistungssport zu bringen, schon gar nicht, ohne nach links und rechts zu schauen. Aber wer Spaß daran hat, sollte es machen. Nur die Schule oder später die berufliche Ausbildung sollten darunter nicht leiden.

Du selbst hast neben dem Spitzensport stets auch Deine berufliche Zukunft im Blick gehabt und parallel dazu studiert.

Katja Seizinger: Das Studium gab mir eine gewisse Unabhängigkeit. Es war sicherlich kein Zuckerschlecken, aber in Situationen, in denen es sportlich nicht gelaufen ist, war es manchmal auch hilfreich, sich mit etwas anderem beschäftigen zu müssen. Es gibt sicherlich spannendere Studiengänge als BWL, aber nicht alles lässt sich mit dem Skisport vereinbaren. Ich hätte zum Beispiel auch gerne Architektur studiert oder Bauingenieurwesen, aber das war undenkbar mit der Reisetätigkeit im Skisport. Parallel zum Spitzensport zu studieren ist nicht leicht, aber ich lasse das Argument nicht gelten, dass es nicht möglich sei. Es gibt in allen Sportarten Beispiele, dass es machbar ist. Dass die Deutsche Sporthilfe in den letzten Jahren verstärkt Förderbausteine zur Vereinbarkeit von sportlicher und beruflicher Karriere auf den Weg gebracht hat, finde ich sehr gut. Toll funktioniert das auch bei den Eliteschulen des Sports. In normalen Schulen geht der Trend dagegen komplett in eine andere Richtung. Da ist der Stellenwert des Sports im Vergleich zu meiner aktiven Zeit doch stark gesunken.

Olympische Spiele in Deutschland würden den Stellenwert sicherlich wieder anheben. Wie siehst Du die Vergabe der Spiele nach Pyeongchang – das sich ja bei der Vergabe gegen München durchgesetzt hatte?

Katja Seizinger: Ich sehe Vergaben an Orte, wo extreme Bauten entstehen müssen, sehr kritisch. Nicht nur in Pyeongchang - in Sotchi oder in meiner Zeit in Albertville war es genauso. Alles an einem Ort und kurze Wege zu haben, ist zwar schön, aber nicht mehr zeitgemäß. Man sollte nicht mit immensen Kosten alles neu bauen, nur um die Auflagen des IOC zu erfüllen. Die Deutschen haben ja ihre Quittung zwei Jahre später in dem negativen Bürgerentscheid gegeben bzw. auch zuletzt in Hamburg. Gerade im Wintersport gibt es genug bestehende Infrastruktur, mit der man alle Disziplinen abdecken könnte. Die befinden sich zwar mit Schwerpunkt in Nordamerika und Europa, aber dem muss das IOC halt Rechnung tragen.

Die Athleten des Bobteam Jamaika, die sogenannten "Cool Runnings", sorgten bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer für Aufsehen.

Das heißt, Du bist nicht traurig, dass die Bemühungen um die Austragung von Olympischen Spielen in Deutschland zuletzt herbe Niederlagen erlitten haben?

Katja Seizinger: Olympische Spiele in Deutschland wären großartig. Aber das, was das IOC will, was an Auflagen gemacht wird, damit ein Ort überhaupt einen Zuschlag bekommen kann, das ist nicht zeitgemäß. Es ist nur konsequent von der Bevölkerung, dass sie das nicht unterstützt. Wenn man eine Akzeptanz für solche Großveranstaltungen wiedergewinnen will, führt an einem Umdenken innerhalb des IOC nichts vorbei.

Als Abschluss-Frage: Was sind Deine besonderen Erinnerungen an Olympische Spiele?

Katja Seizinger: Durch meine Mehrfachstarts in den diversen Disziplinen hatte ich immer wenig bis gar keine Zeit, andere Sportarten zu erleben. Der Hackl Schorsch hatte immer am ersten Tag seinen Wettkampf und dann zwei Wochen Olympia-Tourismus. Er hat uns dann immer erzählt, was er alles gesehen hat und wie toll es war. Aber andererseits hatte er nur eine Chance, und die musste dann passen. Von daher will ich mich nicht beschweren. Aber ein besonderes Erlebnis will ich noch erwähnen, weil das aufgrund des nigerianischen Frauen-Bobs wieder aktuell ist: Einmal kamen beim Frühstück 1994 in Lillehammer die „Cool Runnings“ rein. Und da haben alle – selbst die norwegischen Langläufer, damals zuhause die absoluten Superstars – gesagt: „Oh, schaut mal, die „Cool Runnings“! Das sind die netten Erlebnisse am Rande, an die ich mich gerne erinnere. Nicht zu vergessen natürlich die Momente der deutschen Hymne.


Zur Person

Katja Seizinger (* 10. Mai 1972 in Datteln, Nordrhein-Westfalen)

seit ihrer Heirat im Herbst 1999 Katja Weber

Katja Seizinger ist gemeinsam mit Maria Höfl-Riesch die erfolgreichste deutsche alpine Skifahrerin. Bis zu ihrer schweren Verletzung, erlitten bei den ersten Trainingseinheiten im Sommer 1998, hatte sie als die überragende Läuferin der neunziger Jahre das Geschehen im alpinen Skibereich maßgeblich mitbestimmt. Sie gewann drei Olympische Goldmedaillen (1994 in Lillehammer und 1998 in Nagano), wurde Weltmeisterin, gewann 36 Weltcuprennen und zweimal den Gesamtweltcup. Parallel zum Sport studierte die dreifache „Sportlerin des Jahres“ BWL, anschließend absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung bei einem Wirtschaftsprüfer. Heute lebt die zweifache Mutter mit ihrer Familie bei Heidelberg und sitzt im Aufsichtsrat zweier Stahlunternehmen. Seizinger wurde zu Beginn ihrer Karriere von der Deutschen Sporthilfe gefördert und 1990 als „Juniorsportlerin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit 2000 ist sie Mitglied bei emadeus – dem Club der Sporthilfe-Athleten.

 

(Veröffentlicht am 08.02.2018)



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