Andreas Kuffner: „Ich war emotional nicht vorbereitet“

Andreas Kuffner gewann als Mitglied des Deutschlandachters 2012 olympisches Gold in London, parallel dazu absolvierte er erfolgreich sein Studium. Ein Gespräch über den Übergang vom Sport in den Beruf, die Überwindung depressiver Phasen und Entwicklungspotentiale im deutschen Sport.


Andreas, Du hast parallel zum Sport Deinen Master in Wirtschaftsingenieurwesen erfolgreich abgeschlossen. Warst Du damit gut vorbereitet auf die Zeit nach der sportlichen Karriere?

Auf dem Papier sah es so aus, als wäre ich bestens gerüstet für das, was da kommt. Aber ich war emotional nicht vorbereitet. Ich wusste zu dem Zeitpunkt weder, was „Karriere“ für mich bedeutet, noch, was ich will nach dem Sport. Für mich hat es sich nach einem komplett neuen Leben angefühlt. Es war das Gefühl da, außer Rudern nichts zu können. Selbst das Studium habe ich für mich als nicht hochwertig eingestuft. Für mich war überhaupt nicht mehr klar, wer bin ich.

Haben Dir in dieser Situation Problemlösungsansätze, die Du im Sport gelernt hattest, geholfen?

In der Situation war vielleicht sogar das Gegenteil der Fall. Durch den vorherigen Erfolg im Sport habe ich eine Drucksituation gespürt. Ich hatte das Gefühl, als Olympiasieger musst Du jetzt auch sehr schnell in einem anderen Feld erfolgreich sein. Deshalb habe ich mir auch nicht erlaubt, eine gewisse Unsicherheit zuzulassen. Aus dem Sport hatte ich gelernt, das nicht zu zeigen. Und so habe ich das im „neuen Leben“ übernommen. Aber in Wirklichkeit fühlte ich mich sehr verloren, teilweise hatte ich ein Ohnmachtsgefühl und richtig depressive Phasen.

Wie bist Du da wieder herausgekommen?

Ich habe eineinhalb Jahre in dem Feld gearbeitet, das ich studiert hatte. Im Rahmen von Weiterbildungen habe ich dann einen Coach kennengelernt. Ich wusste damals, es muss sich etwas ändern, deshalb habe ich sie in der Folge privat gebucht. In den Coachings ging es sehr viel um Selbstreflexion, um die Frage, was kann ich, was will ich, was wird draußen gebraucht. Sprich inwiefern treffen meine Interessen auf ein Feld, in dem ich auch wirksam sein kann. Das war ein Prozess über mehrere Monate, in dem ich mich dann entschlossen habe, berufsbegleitend eine Ausbildung zum Systemischen Coach zu machen. Anschließend habe ich den Job gewechselt und mich als Berater anstellen lassen, bevor ich mich dann selbständig gemacht habe.

Was hättest Du Dir im Rückblick mehr gewünscht?

Ein Programm, das wir jetzt gemeinsam mit der Sporthilfe anbieten (lacht). Aber im Ernst, deswegen haben wir den Zukunftsworkshop u.a. ins Leben gerufen. Zum anderen wäre ich gerne schon früher so weit gewesen, mir zu erlauben, ein Stück Verletzlichkeit zu zeigen und auch mal Tempo rauszunehmen.

Als studierter Wirtschaftsingenieur schien der Olympiasieger gut auf das „neue Leben“ vorbereitet zu sein. (Foto: picture alliance)

Ich glaube, das Wichtigste beim Übergang aus dem Sport ist, auch mal ergebnisoffen nach vorne zu gehen, ohne zu sehr den Plan zu fokussieren.

Gerade wenn der Druck von außen und von einem selbst eher dazu rät, sich jetzt schnell auf die nächste Ebene zu begeben. Und dieses Phänomen, bei aller Planung und allem Ergebnisdruck immer wieder in die Ergebnisoffenheit zu gehen, ist in einer hochkomplexen Welt, also auch in Unternehmen, extrem wertvoll. Die Parallelen zu Transformationen in der Wirtschaft sind dabei hoch spannend.

Andreas Kuffner gewinnt 2012 mit dem Deutschlandachter olympisches Gold. (Foto: picture alliance)

 

Welche Spitzensport-Erfahrungen helfen Dir heute in Deinem beruflichen Alltag?

Im Rudersport geht es meistens darum, erst als Individuum gegen die Konkurrenten zu kämpfen, sich dann aber wieder als Team im Zweier, Vierer oder Achter zu finden. Nach dem Gegeneinander folgt ein Miteinander. Davon profitiere ich heute sehr, wenn ich Team-Entwicklungen durchführe und Teams bei Veränderungen begleite. Des Weiteren ziehe ich viel aus der Erfahrung, mit Verletzungen oder anderen Rückschlägen umzugehen. Die Fähigkeit, sich schnell anzupassen, die Fähigkeit der Selbstreflexion, die ich als Athlet enorm gelebt habe, ist für mich in jeder Lebenslage sehr wichtig.

Bei den Olympischen Spielen 2012 in London hast Du die Goldmedaille gewonnen – die erste für den Deutschlandachter seit 24 Jahren. Was hattet Ihr im Vorfeld als die richtigen Erfolgsfaktoren reflektiert?

Unsere Stärke – neben hartem Training – war, dass individuell auf den Einzelnen eingegangen wurde. Wenn einer mal weniger Intensität brauchte, hat er im Training etwas langsamer gemacht. Das funktioniert in einem Teamsport aber nur, wenn Du auf der zwischenmenschlichen Ebene gut kommunizierst. Die neu im Boot saßen, durften sich genauso einbringen wie die, die schon ganz lange dabei waren. Das ist nicht gleichbedeutend, dass wir neun beste Freunde waren, das ist nicht die Botschaft. Es war nicht immer harmonisch, wir konnten auch streiten. Aber stets mit Wertschätzung und auf Augenhöhe, das war der große Erfolgsfaktor.

Du hast eben erwähnt, dass Du Teams in Veränderungsprozessen begleitest. Wo siehst Du heute Entwicklungspotentiale im deutschen Sportsystem?

Ich kenne das Sportsystem im Detail nicht allzu gut. Aber ich denke, ein großer Faktor ist, dass sich die Ansprüche und Erwartungen der Athleten verändern, dass sie deutlich mehr mitgestalten wollen. Während meiner aktiven Zeit haben wir relativ schnell ein Commitment gegeben zu dem, wie der Bundestrainer die Bootsbesetzungen vorgegeben hat. Heute wird das ganz anders hinterfragt. Das finde ich gut, muss aber auch vom System angenommen werden. Ich beobachte Sportart-übergreifend, dass sich Athleten deutlich mehr einbringen wollen und dabei teilweise vom System noch daran gehindert werden.

Der Dialog zwischen Trainern, Funktionären und Athleten sollte auf ein neues Level kommen.

Die jeweiligen Erwartungen und Bedürfnisse müssen zusammengebracht werden. Das ist hochkomplex und nicht leicht, aber absolut notwendig.

Heute begleitet der Olympiasieger aktuelle Athlet:innen beim Übergang in den Beruf.

Was kann die Sporthilfe besser machen?

Die Sporthilfe hat viele gute Angebote. Wichtig ist, dass die Athleten damit erreicht werden. Das, was vorhanden ist, muss an die Zielgruppe gebracht werden. Der Zukunftsworkshop, das darf ich aufgrund des Feedbacks der Athleten schon so selbstbewusst sagen, schafft die Basis, um alle anderen guten Angebote, die die Sporthilfe hat, besser annehmen zu können. Wenn ich weiß, wer ich bin, was ich kann und was ich will, gehe ich viel intensiver auf die Suche nach dem, was ich gebrauchen kann. Von daher gerne mehr Zukunftsworkshops. (lacht)

Ein schöner Schlussappell…

… wobei ich gerne noch eins betonen möchte. Die meiste Zeit arbeite ich in der Wirtschaft, von daher ist es für mich ein Riesengeschenk, dass ich in Kooperation mit der Sporthilfe die Athleten begleiten darf. Dieses Gemeinsame, das ja auch auf Vertrauen von Seiten der Sporthilfe basiert, genieße ich sehr. Außerdem möchte ich alle ehemals geförderten Athleten aufrufen, nach der sportlichen Karriere Mitglied im Sporthilfe Alumni-Club zu werden. Es ist die beste Möglichkeit, auch über die Karriere hinaus mit der Sporthilfe in Verbindung zu bleiben. Man hat das Gefühl, weiter dazuzugehören, was ich sehr schätze – und ich weiß, dass das vielen anderen genauso geht.


Andreas Kuffner, Jahrgang 1987, wurde elf Jahre von der Sporthilfe gefördert, seit 2020 ist er Mitglied im Sporthilfe Alumni-Club. Im Deutschlandachter gewann er bei den Olympischen Spielen in London 2012 die Goldmedaille, wurde Welt- und Europameister und holte zum Abschluss der Karriere 2016 Olympia-Silber in Rio de Janeiro. Parallel zum Sport schloss der gebürtige Bayer sein Masterstudium in Wirtschaftsingenieurwesen ab. Nach einer berufsbegleitenden Weiterbildung arbeitet er heute als Systemischer Coach und begleitet in dieser Funktion u.a. die aktuelle Athlet:innen-Generation in den Sporthilfe-Seminaren „Zukunftsworkshop“ und „Sporthilfe Matchplan“. 



Unsere Nationalen Förderer