Lukas Kohl: Dominator des Kunstradfahrens

Kraft, Ausdauer, Akrobatik und Ästhetik – das alles und noch viel mehr vereint Kunstradfahren. In dem Hallenradsport gibt es eine ausgeprägte deutsche Dominanz, allen voran durch den dreifachen Weltmeister Lukas Kohl.


Geht es um garantierte Medaillen, dann ist hierzulande häufig vom Deutschland-Achter, der Dressurreiter-Equipe oder vom Damen-Rodeln die Rede. In Wahrheit ist die deutsche Dominanz aber wohl in keiner Sportart derart eindrucksvoll wie im Hallenradsport. Man muss sich das nur mal vorstellen: Lukas Kohl ist Einer-Kunstradfahrer und Jahrgang 1996. Seit er auf der Welt ist, nun immerhin auch schon bald ein Vierteljahrhundert, gab es lediglich ein einziges Jahr, in dem kein Deutscher Weltmeister in dieser Disziplin geworden ist. Nur 2004 gelang es einem Tschechen, die deutsche Phalanx zu durchbrechen. Und: Die unglaubliche Statistik hätte genauso ihre Gültigkeit, wäre Kohl schon zehn Jahre früher geboren. Für die deutschen Kunstradfahrer führt das gleich zu zwei Problemen: Erstens erhöht es ungemein den Druck, zu wissen, dass alles andere als eine WM-Medaille schon fast einer Blamage gleichkommt. Und zweitens kommt mit der Einseitigkeit auch die Isolation: Von der Aufnahme ins Olympia-Programm ist das Kunstradfahren weit entfernt. Sogar bei den World Games, dem vierjährlichen Treffen nicht-olympischer Sportarten, sind die Hallenradsportler, zu denen auch die Radballer gehören, nicht vertreten. Lukas Kohl, selbst bereits dreifacher Weltmeister, hat mit seinen 23 Jahren zwar theoretisch noch eine lange Karriere vor sich, trotzdem sagt er:

Lukas Kohl - Kunstrad
Mit erst 23 Jahren hat Lukas Kohl bereits drei Weltmeistertitel gewonnen (Foto: picture alliance)

„Die deutsche Dominanz tut dem Sport nicht unbedingt gut. Bis wir olympisch werden, bin ich ein Funktionär mit grauen Haaren.“

Kohl und seine Kollegen haben sich deshalb zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden und leisten Entwicklungshilfe in schwächeren Kunstrad-Nationen. Einmal im Jahr gibt es ein gemeinsames Trainingslager mit den Japanern, auch mit den Teams aus Hongkong und Malaysia findet ein Know-how-Transfer statt. Kohl selbst verbrachte 2018 eine Woche in Macau, um mit den Fahrern zu trainieren.

Lukas Kohl - Kunstrad
Lukas Kohl strebt nach der perfekten Kür (Foto: picture alliance)

In diesem Jahr fand der Gegenbesuch statt. Sie haben viel aufzuholen: Kohl las als kleiner Junge in der Zeitung von einem Radball-Spiel und wurde neugierig. Beim Probetraining gab ihm der Coach den Tipp, sich erst einmal ein halbes Jahr als Kunstradfahrer zu versuchen, um die Basics zu lernen – doch dabei blieb er hängen. An seinem Sport fasziniert ihn die Vielfalt: Das Kunstradfahren vereint Technik, Kraft, Ausdauer, Radgefühl und Koordination mit akrobatischen Elementen und Ästhetik. „Außerdem ist der Zusammenhalt in der Kunstradfamilie einzigartig“, betont Kohl, der Primus inter Pares. Seit Ende 2016 ist der angehende Wirtschaftsingenieur aus der Nähe von Erlangen ungeschlagen, gewann neben den drei WM-Titeln auch die EM-Premiere 2018 und zweimal in Folge den neugeschaffenen Weltcup. Mit 30 Tricks in fünf Minuten Kür muss er die Jury aber jedes Mal aufs Neue überzeugen. Das Ziel des jungen Athleten, mit kleiner Unterbrechung seit 2013 von der Sporthilfe gefördert, ist nicht unbedingt der Sieg, sondern eine perfekte Leistung. Er will die Titel „nicht verteidigen, sondern erneut gewinnen“. Das sagt viel über Kohls Selbstverständnis aus – und unterstreicht die Freude eines jungen Athleten an seinem Sport, auch ganz ohne olympische Meriten.

(Veröffentlicht am 25.11.2019)



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