Reitsport-Dynastie: Die Rothenbergers

Nicht selten scheint Athleten der Erfolg „in die Wiege gelegt“ zu sein, wenn Vater oder Mutter bereits Leistungssportler waren. Besonders beeindruckend wird es jedoch, wenn sich internationale Erfolge mehr oder weniger durch den kompletten Stammbaum ziehen. So auch bei Familie Rothenberger: Großvater Günter Rothenberger, langjähriges Mitglied des Sporthilfe-Kuratoriums, legte einst mit dem Kauf eines Gestüts die Grundlagen für die erfolgreichen Reitsportkarrieren seiner Kinder und Enkel. Sohn Sven Rothenberger gewann zwei Mal Olympisches Silber, Enkel Sönke darf sich seit 2016 sogar Olympiasieger nennen.


1996 gewinnt Sven Rothenberger (rechts) mit Bronze im Einzelwettbewerb von Atlanta seine zweite Olympische Medaille (Foto: picture alliance)

Als Sönke Rothenberger 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit der deutschen Dressur-Equipe die Goldmedaille gewann und sich damit auf Platz eins der Familien-Erfolgsrangliste setzte, war es für Vater Sven, so erzählt es Sönke mit einem Augenzwinkern, ein „Trost“, dass jener 20 Jahre zuvor bei den Spielen in Atlanta neben Team-Silber zusätzlich auch im Einzel olympisches Edelmetall gewonnen hatte. Beide Medaillen holte der Vater damals unter niederländischer Flagge. 1994 war Sven, nachdem er zuvor mehrfach Medaillen für Deutschland erritten hatte, ins Team des Erzrivalen gewechselt – der Liebe wegen. An der Seite seiner niederländischen Frau Gonnelien und Mutter der drei gemeinsamen Kinder wurde Sven 1996 mit dem Oranje-Team Zweiter, hinter Deutschland. Den Grundstein für die sportlichen Erfolge der beiden Rothenberger-Generationen legte einst Großvater Günter. Nicht nur, dass er sage und schreibe 27 Jahre dem  Kuratorium der Sporthilfe angehörte und damit indirekt auch über die Stiftung Sohn und Enkelkinder unterstützte (alle waren bzw. sind Sporthilfe-gefördert). Zudem erwarb er im Jahr 1993 das Gestüt Erlenhof am Fuße des Taunus. Mittlerweile wird dieses, aufgeteilt in einen Galopp- und Dressur-Bereich, von Tochter Dr. Stefanie Rothenberger-Krause (die in Nachfolge ihres Vaters auch die Kuratoriums-Mitgliedschaft übernommen hat) und Sohn Sven geführt.

Damit war der Boden bereitet für die dritte Generation, die von klein auf im Sattel saß. Bereits in jungen Jahren gewannen Sönke und seine Schwestern Sanneke und Semmieke internationale Auszeichnungen. Dass alle drei trotz doppelter Staatsbürgerschaft heute unter schwarz-rot-goldener Flagge reiten, stand nie zur Debatte: „Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe meine Freunde hier und auch den Jugendbereich immer für Deutschland bestritten.“ Es wäre also „die logische Konsequenz“, unbeachtet dessen, dass die Konkurrenz hierzulande etwas größer sei. Aktuell tritt Sanneke (27) aufgrund beruflicher Ambitionen sportlich zwar etwas kürzer, Semmieke (20) will dagegen demnächst den Schritt Richtung Grand-Prix-Sport wagen. Und der erfolgreiche Bruder, mittlerweile auch Welt- und Europameister, strebt mit 25 Jahren seine zweite Teilnahme bei Olympischen Spielen an. Vor einem Jahr jedoch wäre dieser Traum fast sprichwörtlich in Rauch aufgegangen, als mitten in der Nacht Boxen und Reithalle des elterlichen Gestüts lichterloh in Flammen standen. Fünf Tiere kamen ums Leben. Sönkes kongenialer Partner, sein Ausnahme-Pferd Cosmo, mit dem er zu den Spielen nach Tokio will, blieb zum Glück unversehrt.

 

Sönke Rothenberger (rechts) holt in Rio Olympia-Gold mit der deutschen Mannschaft (Foto: picture alliance)
Bei Familie Rothenberger dreht sich alles um den Reitsport (Foto: Barbara Schnell)

Trainiert wird Sönke von Vater und Mutter. Reibereien oder Unstimmigkeiten gäbe es dabei keine. „Meine Eltern brauchen kein Blatt vor den Mund zu nehmen“, so der Filius, „mir ist ein ehrliches Feedback am liebsten, damit ich mich weiterentwickeln kann.“ Dabei dreht sich bei Familie Rothenberger auch abseits des Reit-Vierecks alles um die Vierbeiner.

"Pferde sind der Lebensmittelpunkt von uns allen, in jeder freien Minute sprechen wir über Pferde."

In Sönkes Augen kein Nachteil, im Gegenteil. „Ich finde das schön und es ist besser als bei anderen Familien, die schweigend in Restaurants sitzen und sich nichts zu sagen haben.“ Es gäbe immer etwas zu diskutieren oder zu besprechen. Dies wird auch über die Olympischen Spiele hinaus Bestand haben.

 

(Veröffentlicht am 23.06.2020)

Erschienen im Sporthilfe-Magazin go!d - Zur kompletten Ausgabe (1/2020)



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