Foto: "German Sailing Team/Lars Wehrmann"

Schleifende Erfahrung

Der Kieler Nachwuchselite-Sportler Malte Winkel nimmt gemeinsam mit seinem Vorschoter Matti Cipra Kurs auf die olympische Segelregatta 2020 in Tokio. Als „Edelhelfer“ des deutschen 470er-Teams Gerz/Szymanski konnten die beiden Youngsters bereits in Rio 2016 wichtige Erfahrungen sammeln – auf und vor allem neben dem Wasser.


Erst mit grobem Schleifpapier, dann mit immer feinerem und zum Schluss auf Hochglanz polieren: Hobbyheimwerker kennen die aufwendige Prozedur, beispielsweise vom Aufbereiten alter Möbelstücke. Wer besondere Finessen erfahren möchte, könnte sich an Segler wie Steuermann Malte Winkel und Vorschoter Matti Cipra wenden. Die beiden sind zu Schleif-Experten geworden, ihr Meisterstück ist 470 Zentimeter lang und war bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro im Einsatz.

Die Europameister und Olympiastarter Ferdinand Gerz und Oliver Szymanski belegten mit dem fein geschliffenen Boot bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro Platz 11.

Allerdings saßen nicht Winkel und Cipra bei der olympischen Regatta im deutschen Boot der 470er-Klasse. Die Nachwuchsathleten, damals 23 Jahre alt, waren im Olympiajahr vielmehr Sparringspartner der deutschen Europameister und Olympiastarter Ferdinand Gerz/Oliver Szymanski, und halfen, wo sie nur konnten.

Sparringspartner auf dem Wasser

Beim Segeln ist Erfahrung (fast) alles. Winkel/Cipra schauten den Europameistern ein ganzes Jahr lang über die Schultern. Ob beim Materialtest, in der Organisation von Boot und Transport und natürlich auf dem Wasser. Als sich Gerz/Szymanski dann kurz vor den Spielen auf ihr Gefühl verließen und entschlossen, nicht auf das für Olympia geplante neuere Boot zu setzen, sondern im etwas älteren zu segeln, kam eine wichtige Frage auf: Wer schleift am Boot den Unterwasserbereich, um es einen Tick schneller zu machen?

Die Jüngeren setzten selbstlos auch hier auf „Miteinander“ und schliffen drei Tage lang zusammen mit dem Bootsbauer die Mikrodellen im Unterwasserbereich des Olympiaboots von Gerz/Szymanski heraus. „Es geht darum, es zunächst so eben wie möglich, dann so glatt wie möglich zu kriegen“, erklärt Malte Winkel. In der Strapaze sah der Nachwuchs die eigene Zukunft: Lernen, um später einmal selbst bei Olympischen Spielen zu segeln. „Das war unser Payback – sie hatten drei Tage mehr zum Trainieren und wir haben noch etwas bei der Bootsarbeit hinzugelernt.“

Der schwierige Übergang zu den Senioren

Das Duo Winkel/ Cipra profitierte als Sparringspartner von der Offenheit der Olympiastarter Gerz/Szymanski, die in Rio Platz elf belegten. „Wir sind darüber sehr dankbar. Ihnen lag viel daran, das Wissen weiterzugeben und etwas für den Segelsport zu tun. Für uns ein extremer Mehrwert und eine Riesenhilfe. Wir haben beispielsweise Trimmdaten ausgetauscht, die sonst wie Geheimnisse gehütet werden. Das war ein tiefer Einblick.“

Ein Einblick, der sich auszahlen soll und schon im Jahr darauf zu erkennen war: Der zwölfte Platz bei den Weltmeisterschaften 2017 im griechischen Thessaloniki „ist auch das Ergebnis von so einem Vorbereitungsjahr“ und für Malte Winkel ein Top-Resultat. Zwar hatten Winkel/ Cipra im Juniorenbereich bei nahezu jedem internationalen Großereignis Medaillen eingefahren, weshalb sie bei der Sporthilfe von der Nachwuchs-Eliteförderung, finanziert durch die DFL Stiftung, geführt werden. Doch bei den Senioren weht bekanntermaßen ein anderer Wind, wie Malte Winkel verdeutlicht: „Bei einem kleinen Fehler fällst du im Juniorenbereich vielleicht von Platz eins auf Platz zwei zurück, im Seniorenbereich fällst du an einer Bahnmarke gleich auf Platz 15 zurück.“

Spektakuläre Bilder sind bei den rasanten Wendemanövern in der 470er-Klasse garantiert (Foto: "German Sailing Team/Lars Wehrmann")

"So ein Segler-Leben..."

Viel in der ganzen Welt unterwegs, immer am Meer, Sonne und Strand genießen. Das ist das Bild, das viele Freunde und Bekannte von Malte Winkels Segler-Leben haben. „Sie sehen das als Privileg an, das tue ich auch“, sagt der Lehramtsstudent vom Schweriner Yacht-Club, der bis zu seinem Eintritt in die Sportfördergruppe im Herbst 2016 vom Deutsche Bank Sport-Stipendium profitierte. „Aber wir schlafen auch zehn Tage lang zu zweit auf 1,20 Meter.

Wir sind jeden Tag auf dem Wasser, machen unser Athletikprogramm, fallen abends müde in unser kleines Bett. Das ist kein Urlaub.“ Rund 200 Tage im Jahr verbringt Malte Winkel auf dem Wasser, mehr als die Hälfte des Jahres ist er im Ausland unterwegs. Neben dem Training kümmern sich Segler auch viel selbst um die Bootslogistik, das Buchen von Unterkünften und die Organisation von Sponsoren.


In der 470er-Klasse kann an vielen Stellschrauben am Boot gedreht werden. Im Zusammenspiel mit Wasser, Wind und Wellen ergeben sich unzählige Parameter (Foto: "German Sailing Team/Lars Wehrmann")

Die Erfahrung zählt

An der Weltspitze macht vor allem die Erfahrung für das optimale Handling des Boots im entscheidenden Moment den Unterschied aus. Das Segel einen Zentimeter weiter aufmachen?

Genau das zu fühlen sei es, was Weltmeister oder Europameister ihm noch voraushätten, sagt Winkel. Das bringt den einen Meter, der später über das Rennen entscheidet.

Zudem ist die 470er keine One-Design-Klasse. Anders als etwa beim Finn-Dinghy kann hier an vielen Stellschrauben am Boot gedreht werden, etwa an der Härte von Mast, Ruder und Schwert. Im Zusammenspiel mit den immer verschiedenen Sportbedingungen Wasser, Wind und Wellen führt das zu abertausenden Parametern, die abertausende Segelstunden Erfahrung erfordern.

Malte Winkel und Matti Cipra sind dabei, sie zu sammeln und haben für Tokio 2020 einen klaren Fahrplan und mit All Nippon Airways einen passenden Sponsor. „Unser Ziel für 2018 ist der Sprung in die Top Ten bei EM und WM“, sagt Winkel. 2019 sollen idealerweise Medaillen und damit die Tokio-Qualifikation folgen. Auch die schleifenden Erfahrungen aus Rio könnten dabei eine Rolle spielen.

 

(von Oliver Kauer-Berk; veröffentlicht am 18. Mai 2018)

Malte Winkel

* 13. November 1993
Sporthilfe-Förderung: seit 2015

Größte Erfolge:
Junioren-WM-Silber 2015
Junioren-WM-Bronze 2014
3x Junioren-EM-Silber

Matti Cipra

* 9. April 1993
Sporthilfe-Förderung: seit 2015

Größte Erfolge:
Junioren-WM-Silber 2015
Junioren-WM-Bronze 2014
3x Junioren-EM-Silber



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