(c) Daniel Söderberg, @fotodanne.se

Auf vier Rollen nach Tokio

Skateboarden wird 2020 erstmals zum Programm der Olympischen Spiele gehören. Auf dem Weg dorthin erhalten vier Skateboarder, die gute Qualifikations-Chancen haben, Unterstützung von der Sporthilfe.


In der ARD verliest „Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Stöck die Meldung, dass die Regierung darüber nachdenke, Skateboards in Deutschland zu verbieten, um diese Gefahr von der deutschen Jugend abzuwenden. Das war am 9. Mai 1977. Knapp 40 Jahre später, am 3. August 2016 verkündet das IOC, dass es bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio erstmals Wettbewerbe im Skateboarden geben wird. 80 weibliche und männliche Skateboarder treten dann in der japanischen Hauptstadt in den Disziplinen „Park“ und „Street“ gegeneinander an.

Einer von diesen 80 will Tyler Edtmayer sein. Der 18-Jährige steht schon fast sein ganzes Leben auf dem Rollbrett: „Ich habe angefangen zu skateboarden, als ich vier Jahre alt war, in Kalifornien, meine Mutter kommt von dort“, zeigt der Lenggrieser die Wurzeln seiner großen Leidenschaft auf. Seit zehn Jahren fährt er Wettkämpfe, und dass die Sportart jetzt olympisch wird, findet er „total cool.“ Nicht jeder sieht das so, im Gegenteil, es gibt in der Szene die große Befürchtung, dass Olympia dem Skateboarding etwas nimmt – das Image des freien Straßensports.

Tylor Edtmayer - Skateboard
Tylor Edtmayer auf dem Weg nach Tokyo 2020 (Bild: Christian Eggers)
Titus Dittmann gilt als "Vater der deutschen Skateboard-Szene". 1978 gründete er Titus Rollsport, einen der ersten Skateshops Europas.(Bild: picture alliance)

Skateboarding braucht kein Olympia,

aber Olympia braucht Skateboarding

Der Satz stammt von Titus Dittmann, der in Deutschland als der „Vater der Skateboardszene“ gilt, und ist die wohl die meistzitierteste Aussage in dieser Auseinandersetzung. Skateboarding passe eigentlich nicht zu Olympia, so der 70-Jährige in einem Interview auf t-online.de. Der im Sport verwurzelte Leistungsgedanke „höher, schneller, weiter“ stehe beim Skaten weniger im Vordergrund als das Bedürfnis nach Selbstbestimmung. „Aber die Olympischen Spiele sind alt geworden und Skateboarden gilt als zeitgeistig, als Lifestyle. Es ist spektakulär und attraktiv, fast akrobatisch.“ So etwas lasse sich super vermarkten und ziehe junge Leute an, so Dittmann. Die Olympia-Befürworter betrachten die Spiele deshalb als große Chance, um den Sport auf einer wirklich großen Bühne zeigen zu können. Für diejenigen, die sowieso schon gerne Contests fahren, sei Olympia ein Segen und die ideale Plattform, Skateboarden der weiten Welt zu präsentieren.

Durch Olympia Vorteile für alle

Das sieht mittlerweile auch Catherine Marquis so. Anfangs war die 25-Jährige Skaterin Olympia noch eher abgeneigt und hatte den Verlust von Freiheit befürchtet – als frühere Freestyle-Snowboarderin weiß sie ob der negativen Erfahrungen, die die Snowboard-Szene in den 1990er-Jahren gespalten hat. Inzwischen hat sie ihre Meinung jedoch geändert. „Durch Olympia wird es Vorteile für alle geben, es entsteht etwas“, sagt die EM-Dritte von 2017 und gibt zu, durchaus Druck zu verspüren, die Chance nicht zu vermasseln. Jeden Tag gehe sie raus, um etwas Neues zu erlernen und sich zu verbessern, ein bis sechs Stunden, abhängig von der körperlichen Verfassung. Und von beruflichen Aufträgen. Die studierte Grafikdesignerin arbeitet als Freelancerin und kann ihren Tagesablauf somit einigermaßen flexibel gestalten. „Ich lebe relativ bescheiden, von daher komme ich ganz gut zurecht“, sagt die Wahl-Stuttgarterin. Durch die Unterstützung im Top-Team Future der Sporthilfe ist sie jetzt noch ein Stück weit unabhängiger und kann sich besser aufs Skateboarden konzentrieren.

Lebt die Duale Karriere: Skateboarderin und Grafikdesignerin Catherine Marquis (Bild: @gochiestrella)

Catherine und Tyler wollen sich für die Spiele in der Disziplin „Park“ qualifizieren. Park-Wettbewerbe finden auf einem ausgehöhlten Platz statt, der einer großen und kuppelförmigen Schüssel ähnelt. Zu den Attraktionen zählen hier die immensen Höhen, die durch das schnelle Steigen der Kurven erreicht werden.

Die zweite olympische Disziplin „Street“ orientiert sich mehr am gängigen Straßenumfeld, daher auch der Name. Hierbei werden Treppen, Poller, Bordsteinkanten, Mauerstücke, Schrägen und Geländerstangen für die Strecke genutzt. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, Tricks an anspruchsvollen Hindernissen zu kombinieren und einen möglichst kreativen Run zu gestalten – vom „Kickflip“ über „Grind“ und „One Eighty“ bis zum „Shuv-it“.

  • Ollie - einfacher Sprung mit dem Skateboard
  • Kickflip - Sprung, bei dem sich das Board um die Längsachse dreht 
  • Regular - linker Fuß steht beim Fahren vorne – „ich fahre regular“
  • Goofy - rechter Fuß steht beim Fahren vorne 
  • Shuv-it - eine 180°-Drehung, die nur das Board macht
  • Slide - das Deck rutscht auf einem Rail oder Ledge/ Curb
  • Rail - Geländer auf dem Grinds und Slides gemacht werden
  • Ledge/Curb - eine Kante, z.B. eine Bank oder ein Zementblock
  • Grind - die Achse rutscht auf einem Rail oder Ledge/Curb
  • One Eighty - eine 180°-Drehung mit dem Board (auch: 360, 540, 720,...)
Lea Schairer - Skateboard
Treppen, Geländer, Bänke und Schrägen: für Lea Schairer das perfekte Trainingsgelände (Bild: Benjamin Wessler)

„Für mich macht einen guten Skateboarder aus, wie er sich auf dem Board bewegt, wie kreativ er fährt,“ erklärt Lea Schairer. „Hohe, weite und krass aussehende Tricks beeindrucken zwar, aber auch der Style muss dazu passen.“ Kampfrichter würden das mittlerweile leider weniger so sehen, sie bewerteten eher, ob die Tricks perfekt ausgeführt wurden.

Lea steht seit ihrem elften Lebensjahr auf dem Rollbrett, „Skateboarding gehört zu meinem Leben“. Doch im Vergleich zu vielen anderen Skateboardern kann die Deutsche „Street“-Meisterin davon nicht leben. Ihren Lebensunterhalt verdient sich die studierte Sportwissenschaftlerin als selbstständige Projektmanagerin, beispielweise für den FC St. Pauli. Die Sporthilfe-Förderung ist für die 30-Jährige deshalb eine wohltuende finanzielle Entlastung, zumal sie bei zwölf oder mehr internationalen Wettkampfreisen, die im Rahmen der Olympia-Quali in den kommenden Monaten anstehen, relativ wenig zum Arbeiten kommen wird.

Einen Trainer im Alltag, das ist allen Skateboardern gemein, haben sie nicht. „Das ist sicherlich der größte Unterschied im Vergleich zu den eher traditionellen Sportarten“, sagt Alex Mizurov. Nichtsdestotrotz wird intensiv trainiert. Der 30-Jährige, der sich ebenfalls im „Street“ qualifizieren will, legt viel Wert auf Ganzkörpertraining und im speziellen auf Sprung- und Krafttraining. Aber in der Szene sei noch Luft nach oben.

Die wenigsten achten auf ihre Ernährung, wenige dehnen sich

So bemängelt der Europameister von 2006 die in seinen Augen teilweise unzureichende Priorisierung. Als professioneller Skateboarder – nicht zu vergleichen mit den wenigen Profis, die in den USA leben und dort Millionen verdienen – repräsentiert er seine Sponsoren insbesondere in Videos und auf Magazin-Fotos.

Alex Mizurov - Skateboard
Scheinbar die Schwerkraft außer Gefecht gesetzt: Alex Mizurov springt über einen Hydranten (Bild: Paulo Macedo)

Zwischen Schule und Skate-Park

Profi-Skateboarder will auch Tyler Edtmayer einmal werden. Doch aktuell drückt er noch die Schulbank in der elften Klasse. Sein Fokus liegt nicht auf Video-Drehs, er mag mehr das Wettkampf-Adrenalin. Materialsponsoren hat er als Deutscher Meister bereits, seit letztem Jahr hilft die Sporthilfe bei anfallenden Kosten. Da die Trainingsbedingungen in Lenggries nicht ausreichend sind, muss er ins benachbarte Österreich ausweichen. Neben der Jahreskarte für den Indoor-Park fallen insbesondere Fahrtkosten an: „Ich fahre das alte Auto von meiner Oma, das sehr viel Benzin schluckt.“ Was ihm auch zu schaffen macht, sind die Abwesenheitszeiten in der Schule. Die Kosten für den nötigen Nachhilfe-Unterricht werden durch die Sporthilfe finanziert, aber es ist schwierig, überhaupt frei zu bekommen, weil die Beurlaubung frühzeitig erfolgen muss.

Oft wird Tyler aber spontan zu Contests eingeladen, zu denen man sich nicht einfach anmelden kann. Wenn er sich aber in seiner Disziplin „Park“ für Olympia qualifiziert, sollte das für die Schule kein Problem sein. Der Qualifikaktionszeitraum endet am 31. Mai 2020 und damit 64 Tage vor Beginn der Spiele. Da Paris signalisiert hat, Skateboarding auch bei den Spielen 2024 mit im Programm haben zu wollen, wird Tyler vielleicht auch über Tokio hinaus die Chance auf olympische Meriten haben. Und wer weiß, vielleicht ist ein deutscher Medaillengewinn dann auch der ARD-„Tagesschau“ eine Nachricht wert.

(Veröffentlicht am 7. Mai 2019)


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