Sport-Stipendiat des Jahres 2019: Keas Kühne Träume

Ski-Freestylerin Kea Kühnel kämpfte gegen Wiederstände und Vorurteile und schaffte es trotzdem bis zu den Olympischen Winterspielen. Parallel dazu studiert das Nordlicht aus Bremerhaven zwei Studiengänge in zwei Ländern. Für ihre Topleistungen in Sport und Studium ist sie nun mit der Auszeichnung „Sport-Stipendiat des Jahres“ geehrt worden.


Als die Sportwelt im Februar 1988 nach Calgary blickte, war Kea Kühnel noch nicht geboren – die Heldengeschichten der XV. Olympischen Winterspielen kennt Deutschlands beste Ski-Freestylerin aber trotzdem in und auswendig: Die jamaikanische Bobmannschaft, deren Story im Hollywood-Film „Cool Runnings“ verewigt wurde, und der englische Skispringer Michael Edwards, genannt „Eddy the Eagle“, waren krasse Außenseiter, die erst belächelt wurden, sich mit viel Fleiß und Leidenschaft aber dennoch ihren Olympia-Traum erfüllten.

Kea Kühnel kennt diese beiden Storys so gut, weil sie sich mit ihnen identifizieren kann. Die 28-Jährige stammt aus der Nordessestadt Bremerhaven, knapp zehn Stunden Autofahrt von den deutschen Bergen entfernt. Und trotzdem setzte sie sich mit Anfang 20 in den Kopf, es jetzt als professionelle Wintersportlerin zu versuchen. Naiv fanden das viele, von Hirngespinsten sprachen andere – Kühnel aber gab Nichts auf das Gerede und orientierte sich an den Helden von Calgary 1988. „Niemand hat sie ernstgenommen oder an sie geglaubt, es gab keine Unterstützung von außen – und doch konnten sie ihre Träume verwirklichen. So ähnlich war es bei mir als extreme Spätstarterin aus dem Flachland auch.“ 2016, erst kurz vor ihrem 25. Geburtstag, ging sie erstmals bei einem Weltcup im Ski Freestyle an den Start – zwei Jahre später wurde sie in Pyeongchang zur ersten Winter-Olympionikin Bremens überhaupt. Ab diesem Zeitpunkt stand das Handy nicht mehr still, in ihrer Heimat herrschte riesiger Trubel. Die ehemalige Leistungsturnerin startet noch immer für den Ski-Club Bremerhaven, bei dem ihr Vater Holger Kassenwart ist.

Ihre Herkunft ist Kühnel sehr wichtig, doch wie ernst sie es mit dem Sport meint, drückt die Wahl ihres Studienorts aus – oder besser: ihrer Studienorte. Sie recherchierte, wo die meisten Freeskier leben, und entschied sich deshalb für Innsbruck. Dort studiert sie an der Leopold-Franzens-Universität derzeit im Master „Accounting, Auditing and Taxation“, auf gut deutsch also Wirtschaftsprüfung.

Hinzu kommt noch ein Sinologie-Bachelorstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Zwei Studiengänge in zwei Ländern, intellektuell und organisatorisch eine Herausforderung – auch Kea Kühnels Tag hat nur 24 Stunden. Von denen im Sommer und im Winter auch noch viele für das Training und Wettkämpfe draufgehen. „Natürlich ist es eine Wahnsinnsaufgabe, neben der Skikarriere zwei Studiengänge in zwei verschiedenen Städten zu bewältigen“, sagt Kühnel. „Aber es macht Spaß und durch den Sport bin ich noch ehrgeiziger und zielstrebiger geworden als zuvor.“

Sportlich schrammte sie als Gesamtweltcup-Dritte 2018/19 in der Disziplin Big Air zwar knapp am ersten großen Triumpf vorbei. Einen Titel auf ungewohntem Terrain hat das Nordlicht nun aber in der Tasche: Für ihre Spitzenleistungen in Sport und Studium erhält Kea Kühnel von der Deutschen Bank und der Deutschen Sporthilfe die Auszeichnung als Sport-Stipen­diat des Jahres – stellvertretend für alle studierenden Spitzenathleten. Kühnel setzte sich im Online-Voting, an dem sich 14.000 Sportfans beteiligten, gegen die vier weiteren Finalisten durch. Für sie eine tolle Ehre, gleichzeitig aber mehr als bloß die Bestätigung ihrer Leistung. „Es ist mir wirklich sehr wichtig, neben der Sportkarriere etwas Anderes zu machen. Ich weiß, so oder so ähnlich drücken es viele Athleten aus. Aber für mich ist das Studium eben nicht nur der mentale Ausgleich zum Sport, sondern vor allem eine Absicherung. Unser Sport ist von Verletzungen geprägt, daher ist es super wichtig, ein zweites Standbein zu haben.“ Vor allem der Präsenz-Master in Innsbruck fordere sie enorm, das Umfeld in ihrem Studiengang beschreibt sie als „sehr kompetitiv“. Etwas flexibler, aber nicht weniger diszipliniert kann Kühnel hingegen in München sein: Chinesisch studiert sie im Selbststudium, weil die LMU sie vom Unterricht freigestellt hat.

Nach dem harten Sommertraining will sie im Winter nun wieder durchstarten, ihre starken Leistungen aus dem Vorjahr bestätigen. Kühnel geht in den Freestyle-Disziplinen Big Air – eine bis zu 25 Meter hohe Sprungschanze, auf der die Athleten spektakuläre Tricks zeigen – und Slopestyle an den Start. Dort müssen die Freeskier einen mit Schanzen und Eisengeländern gespickten Kurs bewältigen, indem in verschiedenen Richtungen abspringen und dabei möglichst schwierige Sprünge zeigen.

Bewertet wird nach den Kriterien Ausführung, Höhe und Landung. Man ahnt: Ein durchaus riskanter und verletzungsintensiver Sport. Oder wie es Kühnel formuliert: „In unserer Sportart ist es schwierig zu sagen, was die Zukunft bringt.“ Zwei Ziele peilt sie dennoch an: Die Weltmeisterschaft 2021 und die Olympischen Winterspiele 2022, beide in Peking. Dort will sie, die Sinologie-Studentin, unbedingt dabei sein, „notfalls als Dolmetscherin“. Lieber aber natürlich als Athletin, um ihre ganz persönliche olympische Heldenstory weiterzuschreiben.

(veröffentlicht am 28. August 2019)


Kea Kühnel ist Sport-Stipendiat des Jahres 2019



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