Deutsche Kletterer vor Olympia: Gold-Finger

In Tokio 2020 wird Klettern erstmals zum olympischen Programm gehören. Je 20 Damen und Herren werden dann im extra für Olympia geschaffenen Format des „Olympic Combined“ an den Start gehen. Darunter auch zwei Deutsche – mindestens.


Manchmal hängt der Erfolg am sprichwörtlich seidenen Faden, im Fall von Alexander Megos hing er an einem schmalen Band im Finger. Präziser gesagt im linken kleinen Finger. Ein Körperteil, dem in den meisten Sportarten vielleicht eher weniger Beachtung geschenkt wird, von dem aber in der faszinierenden Welt der Sportkletterer zwar sicherlich nicht alles, so doch vieles abhängt. An winzigen, nur wenigen Zentimetern breiten Vorsprüngen halten die Athleten sich und damit ihr komplettes Körpergewicht nur mit den Fingern an der Wand, wenn Beine und Füße mit Bewegungen, die für den Nicht­-Kletterer nahezu undenkbar erscheinen, den nächsten Schritt nach oben suchen.

Alexander Megos konnte sich durch seinen Finaleinzug bei der WM als erster Deutscher für Olympia qualifizieren (Foto: DAV/Jorgos Megos)

Im WM-Finale 2019 des „Olympic Combined“-Wettbewerbs im japanischen Hachioji, in das Alexander Megos als Qualifikations­-Bester eingezogen war, hielt der linke kleine Finger nicht. Das Ringband riss, der Deutsche musste den Wettkampf abbrechen und belegte, bitter enttäuscht, den achten Rang. Eine Platzierung, die am Vortag noch großen Jubel ausgelöst hatte, denn mit dem Finaleinzug hatte sich der Lead­-Spezialist als erster Deutscher die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gesichert. „Das ist wirklich krass, wirklich abgefahren“, jubelte Megos. Es überstrahlte selbst die Silbermedaille, die er zuvor in den Einzelwettbewerben in der Disziplin Lead gewonnen hatte. Traumziel erreicht. 2004 in Athen war Megos bereits intensiver mit Olympia in Berührung gekommen, als er bei seinem griechischen Großvater die Spiele live vor Ort verfolgte. Und dennoch ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich der Erlanger die Olympia-­Teilnahme zum Ziel gesetzt hat. Der frühere Junioren-Europameister und ­WM­-Zweite hatte lange Zeit mit dem Wettkampfklettern pausiert, konzentrierte sich nach dem Abitur aufs Felsklettern und entwickelte sich dort mithilfe seiner langjährigen Trainer Patrick Matros und Dicki Korb zu einem der Weltbesten.

Erst 2017 kehrte er mit der Aussicht auf eine Olympia­-Teilnahme wieder in die Weltserie zurück und stellte dort mit EM­-Silber im Bouldern (2017) und WM­-Bronze im Lead (2018) prompt in zwei Disziplinen des neu geschaffenen Dreikampfs seine Klasse unter Beweis. Nur im Speed­-Klettern hat der 26­-Jährige noch etwas Nachholbedarf, steht damit aber nicht alleine. Da diese vor allem im asiatischen und osteuropäischen Raum verbreitete Wettkampfform am wenigsten mit dem ursprünglichen Felsklettern gemein hat, lehnten viele Athleten die Idee des „Olympic Combined“ anfangs ab. Mittlerweile haben sich jedoch mehr oder weniger alle damit arrangiert – anders als bei anderen neuen olympischen Sportarten wie Surfen oder Skateboarden, wo die Szene deutlich stärker gespalten ist.

Kletterer, die nichts mit Olympia zu tun haben wollen, habe ich noch nicht kennengelernt“

sagt Jan Hojer, der seit Jahren zu den besten Boulderern der Welt gehört. „Es gibt keinen einzigen Top­-Athleten, der gesagt hat, dass er aufgrund des Formats nicht versuche, sich für Tokio zu qualifizieren.“ Hojer sieht Olympia als große Chance für die Sportart, auch finanziell. Der Kölner gehört zu den ersten Kletterern, die 2017 in die Sporthilfe­-Förderung aufgenommen wurden. Und der Deutsche Alpenverein (DAV) erhält erstmals öffentliche Fördergelder, die er in Form von Lehrgangsmaßnahmen und Unterstützung bei Wettkampfreisen an die Athleten weitergeben kann. Er investiert aber auch in die Infrastruktur, so zum Beispiel in eine sogenannte „Definierwand“ am OSP in München. „Die Masse an Kletterhallen in Deutschland täuscht“, sagt Martin Veith, Sportdirektor des DAV. „Die meisten sind kommerziell betrieben, dadurch bekommen wir zu wenig Trainingszeiten für die Kaderathleten.“ Zudem entsprächen dort nur die wenigsten Routen den Anforderungen des Nationalkaders. Für wettkampf­nahe Trainingsbedingungen müssen deshalb auch eigens weltcup­erfahrene Routenbauer gebucht werden. Durch das olympische Format mit drei Disziplinen sind die Anforderungen an das Training hinsichtlich Umfang und Intensität deutlich gestiegen.

Deutschlands zweiter Olympia-Teilnehmer im Klettern: Jan Hojer (Foto: DAV/Marco Kost)

Wer zu den Olympischen Spielen will, kommt am Speedklettern nicht mehr vorbei. Ähnlich wie beim Triathlon werden reine Spezialisten bei der Medaillenvergabe keine Rolle spielen, wer aufs Treppchen möchte, muss in einer Disziplin zur Weltspitze, in der zweiten zur erweiterten und in der dritten Disziplin zum vorderen Drittel gehören. Täglich stehen für die besten deutschen Kletterer deshalb vier bis sechs Stunden auf dem Trainingsplan, 20 bis 30 Stunden pro Woche. Der Großteil findet in der Kletterhalle mit Technik­, Beweglichkeits-­ und Koordinationselementen statt, dazu kommt Ausdauertraining, Yoga, für die Fingermuskulatur spezifisches Fingerboardtraining, generelles Krafttraining für Oberkörper und Rumpf sowie wegen der Speed-­Disziplin neuerdings auch vermehrt für die Beine.


Die Wettkampfformate im Klettern

Bouldern bedeutet Klettern ohne Seil in Absprunghöhe, wobei sogenannte „Boulderprobleme“ gelöst werden müssen. Die Wand ist mit unterschiedlichsten Griffen, Tritten und Volumen versehen. Teilweise müssen die Athleten in Überkopf-Positionen klettern und versuchen oftmals mit Sprüngen, Spagaten, Balanceakten oder artistischen Bewegungen die Route zu bewältigen. Der Boulder gilt als bezwungen, wenn der Zielgriff („Top“) mit beiden Händen in  stabiler Körperhaltung für zwei Sekunden gehalten wird. Neben ausgeprägter Athletik und hoher Beweglichkeit, ist ein hohes Koordinationsvermögen wichtig.

Der Name ist Programm: Wer am schnellsten oben ist, hat gewonnen. Über mehrere KO-Runden erklimmen die Kletterer auf zwei nebeneinanderliegenden Bahnen eine in der Griffabfolge genormte, 15 Meter hohe Wand, die um 5 Grad überhängend ist. Die Athleten nehmen die Startposition ein, indem sie einen Fuß an die Kletterwand stellen und den anderen auf ein elektronisches Pad. Nach dem Go-Signal beginnt die Zeitnahme, am Ziel wird nach Handberührung eines weiteren Buzzers die Zeit gestoppt. Der Weltrekord liegt bei den Herren bei 5,48 Sekunden, bei den Damen bei 6,995 Sekunden. Den deutschen Rekord halten Jan Hojer mit 6,67 Sekunden und Alma Bestvater mit 8,64 Sekunden.

Das Lead- oder Schwierigkeitsklettern ist der herkömmlichsten Form des Klettersports am nächsten. Die Athleten besteigen eine mindestens 15 Meter hohe Wand im Vorstieg, das heißt, der Kletterer führt das Seil mit sich und klinkt es in Zwischensicherungen ein. In der Regel ist die Wand stark überhängend. Es geht darum, eine definierte Route in einer vorgegebenen Zeit sturzfrei zu durchklettern bzw. höher als die anderen Starterinnen und Starter zu kommen. Jeder Athlet hat nur einen Versuch, um möglichst viele der durchnummerierten Griffe zu erreichen.

Beim eigens für die Olympia-Premiere ins Leben gerufenen Modus soll der beste Allround-Kletterer ermittelt werden. Gestartet wird mit Speed, gefolgt von Bouldern und Lead. Die drei einzelnen Platzierungen werden miteinander multipliziert. Von den insgesamt 20 Startern ziehen die besten Acht ins Finale ein, in dem nochmals alle drei Einzeldisziplinen geklettert werden. Olympiasieger wird der- bzw. diejenige mit der geringsten Punktzahl. Am 4. August 2020 findet die komplette Qualifikationsrunde statt, am 6. August 2020 steigt das Finale.


In Buenos Aires durfte Hannah Meul bereits Olympia-Luft schnuppern, im März will sie sich für die Spiele in Tokio qualifizieren (Foto: DAV/Nicolas Altmeier)

Von den deutschen Spitzenkletterern hat sich Jan Hojer mit der ungewohnten Disziplin am schnellsten angefreundet, mit 6,67 Sekunden hält er den nationalen Rekord. Der Weltrekord liegt bei 5,48 Sekunden. Trotzdem zählt der Boulder­-Spezialist zum engeren Kandidatenkreis für eine Olympia­-Medaille. Bei der WM 2018 hatte Hojer mit Platz drei im „Olympic Combined“ ein Ausrufezeichen hinter seine Olympia­-Ambitionen setzen können, wurde von der Sporthilfe anschließend in die Mercedes-­Benz Elite-­Förderung aufgenommen. 2019 aufgrund einer Schulterverletzung gehandicapt, erreichte er nur WM­-Platz 17. Die Olympia-Qualifikation machte er im zweiten Anlauf aber dann doch perfekt: Beim zweiten Qualifikations-Wettkampf in Toulouse erreichte er das Finale und sicherte sich damit den zweiten und letzten Startplatz der deutschen Herren. Die letzte Qualifikationsmöglichkeit bietet die EM im März in Moskau, dort wollen auch die deutschen Frauen wieder angreifen. Die größten Chancen räumt der DAV Alma Bestvater und Hannah Meul ein. Letztere schnupperte bereits bei den Youth Olympics Games 2018 in Buenos Aires olympische Luft und erkletterte dort einen starken vierten Platz. „Es war der größte und auch der emotionalste Wettkampf, den ich bisher hatte, das werde ich nie vergessen“, schwärmt die 18-­Jährige von den Jugendspielen.

Insbesondere der Zuspruch des Publikums beeindruckte die Kölnerin: „Dass sich so viele Zuschauer dafür begeistern ließen, die gar nicht aus dem Klettern sind, hat mir gezeigt, dass unsere Sportart zu Olympia gehört.“ Es sei ein „pushendes Erlebnis“ gewesen, das sie auch heute durch schwere Trainingseinheiten trage. Die Spiele in Tokio kommen für Meul, die zu den größten deutschen Nachwuchshoffnungen gehört, vielleicht noch ein wenig zu früh, ihre Planungen zielen mehr in Richtung Paris 2024. Nachdem sie im Sommer ihr Abitur ablegte, konzentriert sie sich aktuell voll auf den Sport – auch mit Unterstützung der Sporthilfe im Top­-Team Future:

„Die Sporthilfe-Förderung gibt mir die Freiheit, meinen Sport auszuüben und meine Leidenschaft jeden Tag leben zu können.“

Damit sie das auch weiterhin kann, gehört neben dem Training die Fingerpflege zur täglichen Abendroutine. Nicht, weil Meul besonders eitel wäre – obwohl das Fingernägel­-Lackieren ihr Ritual vor jedem Wettkampf ist –, sondern weil unter dem intensiven Training die Haut leidet. „Da kann es schon mal sein, dass sie anfängt zu bluten, was zwangsläufig eine Pause bedeutet.“ Diese wollen sie und auch die bereits qualifizierten Alexander Megos und Jan Hojer auf dem Weg nach Tokio unbedingt vermeiden. Durch das Klettern am Fels, das sich der zukünftige Olympionike Megos hin und wieder trotzdem nicht nehmen lässt, sind seine Finger nochmals mehr beansprucht. Als Mann greift er da bei der Pflege schon mal zu rustikaleren Methoden. Bei seinem Besuch im ZDF­sportstudio – ein Hinweis darauf, welch erhöhte mediale Aufmerksamkeit Klettern durch Olympia erfährt – erzählte er, dass bei ihm weniger Nagelfeilen zum Einsatz kämen, als vielmehr Rasierklingen und Schmirgelpapier. So „gerüstet“ kann Tokio kommen.

(Veröffentlicht am 07.02.2020)



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