Der Achterbahnradfahrer

Seit fast 15 Jahren mischt Bahnradsprinter Max Levy in der Weltspitze mit – und hat dabei alle Höhen und vor allem Tiefen kennengelernt. Auch von Schicksalsschlägen ist der 31-Jährige wieder zurückgekommen.


Frankfurt an der Oder genießt nicht gerade den Ruf einer besonders aufstrebenden und attraktiven Stadt – schon gar nicht im November. Vor dem Rathaus steht ein einsames Riesenrad, es nieselt unaufhörlich und das Thermometer nähert sich dem Nullpunkt. Auch Max Levy ist kein großer Fan der Stadt.

Trotzdem kommt er seit eineinhalb Jahrzehnten regelmäßig an die deutsch-polnische Grenze, denn hier befinden sich Olympiastützpunkt und Bundesleistungszentrum seiner Sportart, dem Bahnradfahren. Der Bundestrainer hat seinen kompletten Kader versammelt, die Vorbereitung auf den Heim-Weltcup in Berlin läuft.

Viel Zeit im Auto

Max Levy steckt noch immer mittendrin und das 13 Jahre nach seinem ersten Weltcup-Sieg. Er ist mit dem Auto gekommen. Im Radio läuft Elektro, die Tankanzeige meldet sich. "Als Fahrradfahrer verbringt man ausgesprochen viel Zeit im Auto", schmunzelt der 31-Jährige, der mit Frau und Kindern im gut 80 Kilometer entfernten Cottbus lebt. In Frankfurt hat er zwar ein Zimmer, sein Lebensmittelpunkt spielt sich aber seit jeher im Dreieck Berlin, Geburts- und Kindheitsort, Cottbus, Schul-, Wohn- und Trainingsort und eben Frankfurt/Oder ab. Dort trainiert er im Winter in der Oderlandhalle, die vor den Olympischen Spielen 1988 in Seoul als Kopie der dortigen Bahn erbaut wurde. Inzwischen entspricht sie den Standards des Rad-Weltverbands UCI, als eine von nur drei Bahnen in Deutschland überhaupt.

Maximilian Levy - Bahnrad
Familienmensch Maximilian Levy: Der erste Weg nach dem Sieg im Keirin-Finale bei der EM 2017 führt zu seiner Tochter (Bild: picture alliance).

Spitzname: "Vati"

Levy kennt sie alle, so wie er auch auf internationalen Bahnen seit Jahr und Tag zuhause ist. Cali in Kolumbien, Aguascalientes in Mexiko, Apeldoorn in den Niederlanden – nur ein paar Stationen des Bahnrad-Zirkus, mit dem Levy um die Welt reist.

Vor kurzem ist er in seine 14. Weltcup-Saison gestartet. "Das klang auch für mich verrückt", gibt er zu. Im Sprintteam der Männer ist er, von der Deutschen Sporthilfe 2005 als Juniorsportler des Jahres ausgezeichnet und anschließend dekoriert mit drei Olympia- sowie zehn WM-Medaillen, der Senior. Spitzname: „Vati“.

Was respektlos klingt, ist ehrfürchtig gemeint. Dass sich ein Sprinter länger als ein Jahrzehnt in der Weltspitze halten kann, ist ungewöhnlich. "Ob du ein guter oder ein schlechter Radfahrer bist, ist vom Alter unabhängig", sagt Levy und klingt damit fast wie der legendäre Fußballtrainer Otto Rehhagel. "Die Frage muss eher lauten: Wie kann man sich immer wieder aufs Neue motivieren?"

Und ergänzend: Wie gelingt das nach so vielen Rückschlägen, wie Max Levy sie in seiner Laufbahn erleiden musste? Gleich dreimal brach er sich das Schlüsselbein, zuletzt 2017 beim Training in der Oderlandhalle. Bei 78 km/h platzte ihm der Reifen, die Spuren auf der Holzbahn sind noch immer zu erkennen.

"Ich habe einen richtig geilen Job"

Wie motiviert sich also einer, der die Höhen, aber auch die Tiefen des Leistungssports zu Genüge kennt? Der schon abgeschrieben war, sogar im eigenen Nationalteam, und mehrfach vor dem Karriereende stand? "Radfahren macht mir einfach Spaß. Irgendwann habe ich kapiert: Ich habe einen richtig geilen Job – auch wenn nicht immer die Sonne scheint", sagt Levy.

Etwa bei der WM 2014 in Cali: Auf Goldkurs liegend stürzte er und brach sich das Schlüsselbein, die OP fand noch in Kolumbien statt. Zuhause in Deutschland aber entzündete sich die Wunde so schlimm, dass das Schlüsselbein durch Teile des Beckenknochens neu aufgebaut werden musste – ein heikler Eingriff. "Damals war die Frage nicht, ob ich wieder Fahrrad fahre, sondern ob ich je wieder gesund werde", sagt Levy.

Er wurde es und kam erstarkt zurück. Ins Jahr 2017 startete er mit der fixen Idee, es sollte seine letzte WM werden, doch der Trainingssturz verhinderte einen Start. Dann kam die Heim-EM im Berliner Velodrom, 200 Meter entfernt von Levys Geburtshaus im Prenzlauer Berg. Die Trainer gaben ihm kaum eine Chance, doch er holte Silber im Teamsprint und Gold im Keirin. "Eine Genugtuung sondergleichen. Diese Emotion, dieser Moment hat noch einmal alles verändert." Ein drehbuchartiger Abgang in der Heimat, wie Diskus-Olympiasieger Robert Harting ihn diesen Sommer im Berliner Olympiastadion vollzog, kam für Levy nicht in Frage. "Weil ich nie mit diesem Erfolg gerechnet hätte." Bei der WM im Frühjahr 2018 legte er Bronze nach, seine erste WM-Medaille seit 2014.

Bei der WM 2014 in Cali brach sich Levy das Schlüsselbein - nicht zum letzten Mal. (Bild: picture alliance)

Dienstag, 26. Juni 2018

Und dann kam der schicksalhafte 26. Juni, Levys 31. Geburtstag, außerdem der Tag, an dem seine Frau Madeleine von ihrer dritten Schwangerschaft erfuhr. Bei der WM hatte Levy noch gemeinsam mit Kristina Vogel deren Titel Nummer zehn und elf gefeiert. Keine drei Monate später kniete er nun auf seiner Heimbahn neben der langjährigen Weggefährtin und Freundin und leistete ihr erste Hilfe. Vogel war mit einem niederländischen Nachwuchsfahrer kollidiert, schwer gestürzt und sitzt seitdem im Rollstuhl. „Ein Tag, den man nie vergessen wird. Noch immer fällt es mir schwer darüber zu reden“, sagt der Sprinter.

Feierten viele gemeinsame Erfolge, u.a. bei der Heim-EM in Berlin 2017: Kristina Vogel und Maximilian Levy. (Bild: picture alliance)

Es wäre verständlich gewesen, hätte er sein Sportgerät danach an den Nagel gehängt. Aber:

"Ich wollte Kristina nicht auch noch zumuten, dass ich wegen ihr nie wieder auf dem Fahrrad sitze."

Eine Konsequenz hat er allerdings aus dem Erlebten gezogen: Seine Träume zu verwirklichen, bevor es zu spät ist. Irgendwann will er einen Ironman absolvieren. Die European Championships ließ er aus, für die WM 2019 hat er bereits abgesagt – der Geburtstermin seines dritten Kindes fällt genau in diesen Zeitraum. Und Olympia 2020? "Ich fahre nicht nach Tokio, um mir einen neuen Trainingsanzug abzuholen", sagt er und meint damit: Ohne realistische Medaillenchancen im Teamsprint fährt er nicht nach Japan.

Im Moment sieht es danach allerdings nicht aus. Levy kritisierte wiederholt die sportlichen Entwicklungen, auch, dass der Verband bisweilen konzeptlos agiere. Er ist keiner, der sich den Mund verbieten lässt und auch mal unbequeme Wahrheiten ausspricht, selbst wenn es dafür ab und an Ärger gibt. Einer, der dem Bahnradsport nicht nur wegen seiner herausragenden sportlichen Leistungen definitiv fehlen wird – gerade erst stellte er im Herbst seiner Karriere eine neue persönliche Bestzeit auf. Die Fahrt auf der Achterbahn, sie ist für Max Levy noch nicht zu Ende.


(Veröffentlicht am 29.11.2018)

Die Karriere von Max Levy, Jahrgang 1987, begann im Alter von zehn Jahren beim Berliner TSC –  dem Verein, in dem auch Jens Voigt und Erik Zabel ihre Radsport-Laufbahn starteten. Als Jugendlicher fuhr Levy auch auf der Straße, nach dem Wechsel auf das Sportinternat in Cottbus konzentrierte er sich aber auf die Sprintdistanzen auf der Bahn.

Nach fünf WM-Titeln als Junior wurde er 2005 zum Juniorsportler des Jahres gewählt. Anschließend schaffte er auch bei den Aktiven den Durchbruch und gewann drei Olympia-Medaillen (Silber 2012 im Keirin, Bronze 2008 und 2012 im Teamsprint) sowie je vier WM- und EM-Titel. Levy ist seit 2004 Sporthilfe-gefördert, aktuell im Top-Team.



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